Ein Mann mit einer Gabel in einer Welt aus Suppe

Amoralisch

Um es gleich vorwegzunehmen: Vergessen Sie die Kritik im Tagesspiegel, bei der zwischen den Zeilen die Skepsis – oder ist es Unsicherheit, Ungläubigkeit? – hindurchsickert.

Warum nicht einfach mal ein rundes, komplettes Buch vorbehaltlos empfehlen, auch wenn der Autor nicht übersetzt und gar kein Amerikaner ist? Na, immerhin lebt Tobias Radloff laut Verlagsangaben in Belfast, da könnten sich die Kritiker doch mal einen Ruck geben und nicht immer so im Konjunktiv bleiben.

Okay, der coolste Spruch ist der mit der Gabel und der Suppe aus der Überschrift und das ist von Noel Gallagher, aber es ist natürlich unwiderstehlich für einen Autor, sowas zu benutzen. Was wäre die Kultur ohne die Inspiration? Und bau das mal so in den Text ein, dass es natürlich wirkt. Dazu braucht es das, was dieses Buch für mich so speziell macht: einen guten Schluck aus der Pulle der angelsächsischen Erzähltradition, eine elegante Plotführung und eine originelle, stimmige Hauptfigur. Da muss die Populärkultur durchschimmern, um die Figur zu verankern. Selbst Disney’s Lustige Taschenbücher als Observationslektüre halte ich für unverzichtbar.

Noir? Der Ton bleibt den ganzen Text hindurch eher Chandler-noir, also eher hell-schwarz oder besser gesagt: von einem Schwarz, das sich in der Rüstung eines Weißen Ritters spiegelt. Voller Selbstironie. Spielt mit den Hoffnungen der Hauptfigur Spinball. Fängt rasant an, steigert sich rasant, hört rasant auf. Der Spannungsbogen steht wie eine Eins, obwohl zwischendurch neben Action auch reichlich Kaffee getrunken wird. Guter Kaffe, böser Kaffee. Wirklich bewunderswert: Es finden sich federleicht und ganz unlangweilig hingetupfte, trotzdem erstaunlich lange Rückblenden. Die kommen spannnend daher und erhöhen die emotionale Tiefe. Und die hat mich wirklich gepackt. Was für ein trauriger und zugleich cooler Typ, dieser Strasser. Zufällig heißt er Philip mit Vornamen. Na, Sie wissen schon.

Wo sind wir? Ist vielleicht Hannover die Spießerstadt? Man weiß es nicht. Aber dieses Irgendwo-in-Deutschland passt. Und das Ende ist dann noir-noir. Es bleibt nur die Hoffnung auf Integrität, wie es sich gehört.

Und sprachlich? Am Anfang dachte ich noch, eine erste Szene ganz ohne Handlung, nur innerer Monolog, das ist ganz schön dicke Hose. Als ob Herbert Grönemeyer sein Konzert a capella beginnt. Aber Tobias Radloff hält den Ton: „“Arschloch“, sagte sie. Ich hätte gerne etwas erwidert. Aber noch lieber hätte ich Luft geholt.“ Und dieses Character-gedrivene (wie sagt man das auf Deutsch?) verfängt. Ich frag mich zwar zwischendurch mehrfach, ob Strasser nicht vielleicht wirklich der schlechte Detektiv mit viel Pech ist, für den er sich in einem Anfall von dramaturgischer Lamoryanz selbst hält (vor allem, als er das WLAN nicht hackt und der Verena die Pille gibt). Vermutlich. Das muss es auch geben. Aber die Sinnsprüche von Strassers Mentor Kaufhausdetektiv Reitmeier sind mir runtergegangen wie ein Gimlet. Überhaupt:

„Sieh das Positive, hätte Reitmeier gesagt. Wenigstens bist du an der frischen Luft. Ich atmete tief ein und schmeckte die Abgase von einer Million Verbrennungsmotoren. Das Autobahnrauschen wurde lauter, und im Gegensatz zu dem, was die Hippies sagten, klang es definitiv nicht nach Strand.“

Großartig, wenn der Showdown an einem Hosenknopf zu scheitern droht.

Unbedingt empfehlenswert, ein riesen Spaß mit einem plastischen Antagonisten, der eine aktuelle Variante des Verrückten Professors gibt und der eigentlich ja nur die Welt retten will – durch Liebe!

Verlagstext:

Tobias Radloff: Amoralisch

Ein abgehalfterter Privatdetektiv. Eine hübsche Tote. Ein Pharmaentwickler, der mit einem neuen Wirkstoff die Liebe demokratisieren will…
Philip Strasser und seine Detektei haben schon bessere Tage gesehen, doch seit ihn ehemalige Kunden im Internet mit Häme überziehen, ist es nicht leicht, an neue Aufträge zu kommen. So bleibt Strasser nichts anderes übrig, als bei der Pharmafirma Protagen anzuheuern, wo er sich dazu hergeben muss, die Angestellten des Unternehmens zu bespitzeln. Als ihn eines Tages Nina Berger, Sekretärin in der Forschungsabteilung von Protagen, bittet, ihr zu helfen, sie werde gestalkt, ahnt Strasser nicht, dass er seine Ablehnung dieses Jobs schon bald bitter bereuen wird. Keine zwei Wochen nach ihrem Gespräch wird Nina Berger ermordet. Und Strasser ahnt, wer hinter ihrem Tod stecken könnte.
Was sich zunächst liest wie eine spannende Detektivstory, entpuppt sich nach und nach als lakonisch erzählter Biotech-Noir-Roman, in dem die Frage, wie man einen Drogendealer zum Reden bringt, ohne ihm wehzutun, genauso thematisiert wird wie die Kluft zwischen Moral und Fortschritt und das Leben nach dem großen Verrat.

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Buchrezensionen (PDF):

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Buch-Magazin

Buchtipp im coloRadio Dresden (15.12.15):

http://www.divan-verlag.de/buch/amoralisch.html

Tobias Radloff

Tobias Radloff geboren 1977 in Langen bei Frankfurt, ist Schriftsteller, Musiker und passionierter Kaffeetrinker. Nach Schwarzspeicher, dem einzigen Roman über die Post-Snowden-Ära, der schon vor den Snowden-Enthüllungen erschienen ist, legt er mit Amoralisch seinen zweiten Spannungsroman vor.
Tobias Radloff lebt in Belfast

Sie war wieder da: die Schreibwerkschau 2016

10. März 2016, Humboldt-Bibliothek, Berlin-Tegel: 21 Autoren lesen je einen Text mit einer Länge von maximal 3.000 Zeichen, dazwischen spielt die Musik, 100 Leute  schauen gebannt zu. Und das seit sieben Jahren in jedem Frühjahr. Klingt verrückt? Ist aber so. Die Teilnehmer der Volkshochschulkurse von Claudia Johanna Bauer arbeiten in jedem Jahr darauf hin, auf diese drei Minuten im Fokus der Aufmerksamkeit des Publikums auf der Bühne der Bibliothek. Zuerst wird über das Thema abgestimmt (in diesem Jahr war es „Begegnungen“), dann werden Texte hin- und hergemailt, es fließt eine Menge Schweiß und Herzblut, manchmal sicherlich auch etwas anderes.  Heraus kommt Literatur. Kleine Perlen, die schimmern und funkeln. Manchmal vielleicht die Saatkörner für Größeres, manchmal stehen die Texte einfach nur für sich.

Es steckt eine Menge Arbeit in der Schreibwerkschau, die wirklich eine tolle Schau ist. Natürlich – die Autoren sind aufgeregt. Sie sind präsent, die Lesungsaccessoires originell. Ich war glücklich mit der atmosphärischen Wirkung des Schwarzweiß-Fotos eines verwunschenen Gartens, das ich als Kulisse an einer alten tragbaren Filmleinwand befestigt hatte.

Besonders die szenischen Lesungen (diesmal: eine Vernehmung der Kripo mit Handschellen und allem Pi-Pa-Po) sind immer spannend, erinnern an kurze Theaterstücke. Es wird auch viel gelacht, zum Beispiel über die Urberlinerin Frau Buttke, die in diesem Jahr mit einem antiautoritär erzogen Kind in der U-Bahn konfrontiert wird. Oder über die schizophrene Warze „Marleen“ – sie ist wieder da. Nach ein paar Takten Guitarrenmusik  frißt dann ein Oger-Weibchen den lästigen Ex der Ringträgerin.

Aber die Schreibwerkschau nimmt sich auch ernst: Da schleudert das Universum schleudert einem jungen Mann einen Barockspiegel vor die Füsse. Leichen werden gefunden. Eine Mutter stirbt. Sogar ein mittelalter, mittelmüder Privatermittler – bekannt aus meinem Krimi „Märzwinter“ – trifft unverhofft seinen Halbbruder (siehe unten).

Wie in jedem Jahr sind die heiteren oder ergreifenden Texte auch diesmal wieder nachzulesen im kleinen Jahresheftchen, das wir nun noch bis April fertigstellen. Wir haben über die Umschlagfarbe abgestimmt: Es wird gelb sein und EUR 4,50 kosten – sprechen Sie bei Interesse einfach die Autoren an.

Die Schreibwerkschau ist ein Veranstaltung, die aufgrund ihres beachtlichen Niveaus eigentlich einen größeren Rahmen und viel mehr Öffentlichkeit verdient hätte. Mehr Unterstützung auch.

Vielen Dank, Claudia Johanna Bauer, für Deine Mühe. Eigentlich unglaublich, was Du im Laufe der Jahre schon an literarischer Starthilfe gegeben hast. Vielleicht sollte man dafür mal einen Preis stiften, den Preis für literarische Starthilfe. Ich verleihe ihn Dir schonmal vorab.

Liebe Volkshochschule Reinickendorf und Humboldt-Bibliothek – danke, dass wir bei Ihnen zu Gast sein durften.

Und hier der Text, den ich gestern gelesen habe:

Der Zwillingsring

Sich scheiden lassen tut weh. Aber auch nach 20 Jahren wieder am Vaterhaus klingeln ist so schön wie im Frühling sterben. Wenn Sanders sich einfach mit Benzin übergießen und anzünden würde, könnte er eine Menge Nerven sparen. Die Kopie seiner Geburtsurkunde fürs Standesamt bräuchte er dann niemals mehr.
Das Haus, in dem der Vater seine neue Familie hält, ist größer als das, in dem er seine alte zerstört hat. Die Villa liegt in einem Park, dem man die Gleichgültigkeit seiner Besitzer ebenso ansieht wie die Gärtner, die sie kaschieren.
Sanders klingelt. Es summt. Ein Dobermann schießt geifernd um die Hausecke. Sanders drückt das Schloss aus der Falle und wartet.
Die Vögel verstummen. Das Eingangsportal der Villa bleibt zu. Es kommt auch keine Polizeimotorradstaffel angeknattert, schwenkt Wunderkerzen und schmettert »Berliner Jungens, die sind richtig«.
Nur ein Zehnjähriger schlendert um die Hausecke. Er pfeift, der Dobermann wird zur Statue.
Der Junge ist so schmal und dunkel und korrekt gekleidet wie Sanders. Er könnte der Vater sein, nicht nur der Halbbruder.
»Bist du Berend?«, fragt er. Das Gartentor schnappt hinter ihm zu wie eine Lebendfalle.
»Bist du Martin?« Der Junge schaut, als hätte er schon alles gesehen. Er hält sich am Dobermann fest.
»Schönes Wetter zum Draußenspielen«, sagt Sanders. »Gibt es den Buddelkasten noch?«
Berend staunt. Mit einer Handbewegung schickt er den Hund voraus. Durch ein Stechpalmenlabyrinth führt er Sanders zu einer Schaukel, die leer im Wind schwingt. Im Sandkasten daneben blüht das Schadgras.
Sanders setzt sich zu dem Jungen auf die steinerne Umrandung. Sie sehen der Schaukel zu. Der Hund schaut von einem zum anderen.
»Wie heißt er?«, fragt Sanders.
»Wotan«, sagt Berend.
Sanders‘ Fingerspitzen finden den lockeren Stein.
»Magst du Hunde?«, fragt der Junge.
»Unser Vater«, sagt Sanders, »hatte früher eine Hundeallergie. Aber natürlich. Man verändert sich.«
»Wotan passt aufs Haus auf.« Berend lächelt. »Manchmal spielen wir. Papa weiß das nicht.«
»Warte mal.« Sanders kniet vor dem Buddelkastenumrandung. Hinter dem losen Stein findet er die verrostete Blechschachtel.
Das Flügelgewebe der toten Libelle ist zu Sternenstaub zerfallen. Zwischen Klappmesser, Polizeiauto, Streichholzheftchen und einer Schachtel Reval ohne Filter liegt ein Ring.
»Hast du etwa heimlich geraucht?«, haucht Berend.
»Ein Mann kann in einem einzigen Leben sehr viele Fehler machen«, sagt Sanders.
Er nimmt den Ring aus der Schachtel. Es ist ein Silberring, an der Seite funkeln Diamanten.
»Ist das ein Sternbild?«, fragt der Junge.
»Gemini«, sagt Sanders. »Vater hat meiner Mutter den Ring zur Geburt von Philip und mir geschenkt.«
»Philip ist tot?« fragt Berend.
Sanders nickt. Er hält ihm den Ring hin. »Hebst du ihn für mich auf?«
Schon während er spricht, weiß er, es ist besser, sich an einem Dobermann festzuhalten als an einem Ring. Berend nimmt ihn trotzdem. Das Leuchten im Gesicht des Kleinen erinnert Sanders an etwas von Tolkien: Die Welt ist im Wandel.

MoabitOnline: Moabit Krimis haben Konjunktur

krimiMoabit Krimis haben zur Zeit Konjunktur

… und werden auch in Moabit gelesen, verkündet erfreut „MoabitOnline“, das Onlineportal für Neugierige zu Adressen, Infos und Fotos aus dem Stadtteil Moabit. Hier lesen wir:

„Was mag es wohl bedeuten, dass innerhalb der vergangenen 13 Monate vier Moabit Krimis erschienen sind? Natürlich spielen nicht alle ausschließlich in Moabit, einen solch‘ eingeschränkten Aktionsradius mag wohl kaum ein Autor seinen Personen zumuten. Allen gelingt der detailgetreue Bezug auf das Moabiter Straßenleben und seine Menschen. Versteckte Orte, geschichtliche Details, Persönlichkeiten und Institutionen werden recht authentisch geschildert. Und doch könnten diese Kriminalromane unterschiedlicher nicht sein. Bernd Mannhardt, der gleich mit zwei Moabit Krimis vertreten ist und sich am wenigsten in andere Berliner Gegenden verirrt, schreibt eher konventionell und bieder – wie Tatort in Buchform. Die Realität verfremdet der Autor nur wenig, aus Freddy Leck sein Waschsalon wird der von Harry Fleck oder aus dem Bauträger Groth wird Rohe und sein Tätigkeitsfeld in die Altbausanierung im Stephankiez verlagert. Auch ein Moabitblog kommt vor. Jens Anker hat ein äußerst humorvolles Buch geschrieben, der junge Erzähler stolpert selbstironisch von einer Falle in die nächste – fast unfreiwillig wird er aktiv, bliebe wohl lieber Flaneur. Bettina Kerwiens Geschichte dagegen legt ein ungeheures Tempo vor, Action pur. Die beiden Hauptfiguren Liberty Vale und Martin Sanders, die Escort-Lady und der Ex-Polizist, verhalten sich wie Feuer und Eis. Es geht um die große Politik und trotzdem sind die Milieus mit viel Liebe und Detailkenntnis ausgearbeitet.

Doch schauen wir uns die Titel einzeln an:

v.l.n.r. Autor Bernd Mannhardt, Musikerin Petra Schnier – Bild: UMA

Im Februar 2015 schon ist der Moabit Krimi „Schlussakkord“ von Bernd Mannhardt  erschienen. Das Bild zeigt den Autor bei der Lesung in der Arminiusmarkthalle. Er wird dort im April wieder lesen aus seinem neuen Roman „Keimzeit“. Die Arminiusmarkthalle ist Schauplatz des ersten Krimi. Vor der Halle wird ein polnischer Akkordeonspieler erschossen. Der Schuss muss aus einem Fenster des Rathauses Tiergarten abgegeben worden sein. Kommissar Hajo Freisal und seine Kollegin Yasemine Gutzeit müssen vielen Spuren nachgehen. Ist etwa ein Angestellter des Bezirksamts durchgedreht, weil er die schräge Musik nicht mehr ertragen hat? Oder gehört der Täter zu einer Bande von Schutzgeld-Erpressern? Was haben die Markthallen-Betreiber oder die Filmakademie Zelle damit zu tun? Erst allmählich kommt die Wahrheit ans Licht.
Im Herbst 2015 erschien „Schatten über Moabit“ von Jens Anker. Ein angehender Jurist, Robert Beierlein, leistet seine drei Monate Referendariatszeit bei der Staatsanwaltschaft im Moabiter Kriminalgericht ab. Gleich im ersten Satz stürzt Staatsanwalt Strunz von der Empore, fällt ihm in der Eingangshalle vor die Füße und mischt sich auf diese Weise brutal in sein Leben ein: „Die Polizei nennt das Fundort. Ich nenne das eine Schweinerei“, denkt Beierlein und beobachtet das Blut in den Fugen der Bodenfliesen. So distanziert ironisch kann man den Tod beschreiben. Die Leser lernen sowohl das imposante Gerichtsgebäude als auch seine verschiedenen Beamtenmilieus im Verlauf des Buches gut kennen, genauso wie die Umgebung. Klaus-Peter Rimpel und seine Dorotheenstädtische Buchhandlung darf nicht fehlen. Der Plot dreht sich um Intrigen, Wirtschaftsspionage und Pharmaskandale. Lange Zeit tappt der junge Referendar im Dunkeln, unentschlossen, wie weit er sich hineinziehen lassen soll in den Fall, in die ihm übertragene Aufgabe, genervt vom vorgesetzten Oberstaatsanwalt mit Zweifeln am Sinn der eigenen Berufslaufbahn. Die Gedanken an den Fall holen ihn dennoch immer wieder ein, auch in der Freizeit, wenn er mit einem Freund eigentlich abschalten will. Berlin aus der Perspektive der knapp Dreißigjährigen: erst beobachtet er nur die anderen Nachtschwärmer, kommt selbst um einen Alkoholexzess nicht herum, macht die Bekanntschaft einer jungen Frau, die noch eine undurchsichtige Rolle spielen soll. Wer hier wen hinters Licht führt und für die eigenen Interessen missbraucht, bleibt ein verwirrendes Geflecht, das sich erst ganz zum Schluss aufklärt.
Auch „Märzwinter“ von Bettina Kerwien ist bereits im Herbst 2015 erschienen. Das Klima der extrem kalten Tage im März 2013 beeinflusst Stimmung und Handlung. Der Bezirk Moabit als „Hinterhof der Macht“ wird lebendig in einer Geschichte, die sich um die Verflechtung von Politik und Wirtschaft dreht, genauer gesagt um die Beeinflussung internationaler Finanzströme mit Hilfe manipulationsfähiger Computerprogramme. Julia Steinberg, Staatssekretärin der CDU aus dem Finanzministerium, die auf Frauen steht, hat Beweise für Korruption. Mit Hilfe von kompromittierenden Fotos, soll sie unter Druck gesetzt werden und entgeht knapp einem Mordanschlag. Doch einen Tag später ist sie tot – trotz Polizeischutz, und die schlagfertige Escort-Lady Liberty Vale, die für die „Honigfalle“ angeheuert war und über einem türkischen Gemüseladen in der Turmstraße wohnt, wird verdächtigt. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als mit dem verschwiegenen und abweisenden Privatdetektiv Martin Sanders zusammen zu arbeiten, denn nur gemeinsam können sie ihre Unschuld beweisen und die Hintermänner finden. Das Buch lebt von den beiden intelligenten Hauptfiguren, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Ganz allmählich erst schmilzt die Hülle des Sozialphobikers und er gibt seine traumatische Vergangenheit preis. Eine atemberaubende Verfolgungsjagd durch Berlin beginnt mit Stunteinlage auf der Außenhülle des Fernsehturms am Alex und Showdown in der First-Class-Lounge am Flughafen Tegel.

»Ich habe zwanzig Jahre in Moabit gelebt, in der Emdener Straße«, sagt die Kerwien, die es mittlerweile nach Reinickendorf verschlagen hat. »Ich habe immer noch Heimweh. Außerdem ist es ein großer Luxus, wenn man ohne viel zu recherchieren eine Verfolgungsjagd beispielsweise am Frauenknast Lehrter Straße stattfinden lassen kann. Auch sprachlich verdanke ich Moabit alles. Die einzelnen Figuren haben jeweils ihre spezielle Figurensprache, da wird berlinert oder Kiezdeutsch gesprochen. Besonders der Hauptfigur Liberty habe ich einen speziellen Berlin-Sound mitgegeben – frech, sexy, knallhart aber herzlich.« (Interview mit der Autorin) So verwundert es nicht, dass sogar ein Gespräch über Klara Franke unter ihrem Bild in der Pizzeria Lehrter Straße vorkommt. Diese kleinen Details machen den liebenswerten Lokalkolorit dieser sehr spannenden und temporeichen Kriminalgeschichte aus.

Der neueste Moabit Krimi ist „Keimzeit“ wieder von Bernd Mannhardt ist Ende Februar 2016 erschienen.  Die Handlung bewegt sich zwischen Stephankiez mit der kernsanierten und in Eigentumswohnungen umgewandelten Nummer 61, in die gerade die ersten Eigentümer eingezogen sind, und Beusselkiez mit Rostocker und Sickingenstraße, wo Verdächtige befragt werden, wie auch in der bezirklichen Kunstgalerie an der Turmstraße. Auch die Arminiusmarkthalle ist Treffpunkt der Ermittler Freisal und Gutzeit. Der Tote liegt neben dem „Café Achteck“ am Stephanplatz. Stephan Klein war ein eher erfolgloser Foto-Künstler aus dem Süddeutschen. Streit hatte er nicht nur mit dem Leiter der Galerie wegen deren neuer Präferenz für Konzeptkunst, sondern auch mit den Eigentümern seiner luxussanierten Altbauwohnung. Für kurze Zeit gerät der auch Bauträger Rohe ins Visier der Ermittler. Das Büro des Quartiersmanagements Moabit-Ost erlebt einen Farbanschlag und auf dem lokalen Blog wird erbittert über Gentrifizierung gestritten. Doch warum sowohl der Runde Tisch gegen Gentrifizierung als auch der Blog unter die Aktivitäten des Quartiersmanagements subsumiert werden, bleibt unverständlich.

Wir bedanken uns herzlich beim Autor, dass er drei Exemplare seines neuesten Buches für unser Preisausschreiben zur Verfügung stellt.

Die Bücher:
Bettina Kerwien, Märzwinter. Ein Berlin-Krimi. 2015, Taschenbuch, 312 Seiten, Sutton Verlag GmbH (Leseprobe)
Lesung am 8. März 2016 um 20 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, Turmstraße 5 (Eingang Pritzwalker Straße)

Jens Anker, Schatten über Moabit. Kriminalroman. 2015, Broschur, 208 Seiten, Emons Verlag GmbH (Leseprobe)
Rezension in der Welt „Da is Musike drin“ und die ersten Kapitel gekürzt in der Berliner Morgenpost.

Bernd Mannhardt, Schlussakkord. Ein Moabit-Krimi. 2015, Paperback, be.bra Verlag
Bernd Mannhardt, Keimzeit. Ein Moabit-Krimi. 2016, Paperback, be.bra Verlag, (Leseprobe)
Lesung am 1. April 2016 um 19 Uhr in der Arminiusmarkthalle, Arminiusstraße 2-4″

Immer, wenn Du denkst, Du weißt schon alles, ….

IMG_0024akommt von irgendwo die Claudia her.

Das ist mein Fazit des gestrigen Tages, den ich am Schäfersee verbracht habe. Dort befindet sich in der Stargardtstraße eine kleine Dependance der Volkshochschule Reinickendorf: eine Stadtteilbibliothek mit angeschlossenen Seminarräumen, die der kühle Charme der angegilbten frühen 70er Jahre durchweht. Bevor Berlin arm, aber sexy wurde, wohnte dort in einer Einliegerwohnung noch ein Hausmeister, der – sich seiner Lebensstellung offenbar sicher – seine Meerschweinchen und Häschen durch den Treppenflur turnen ließ. Die Wände in den Seminarräumen waren so gelb wie die Dritten von Jürgen Klopp. Bei Ostwind brummen alle drei Minuten Jumbos im Anflug auf den Flughafen Tegel so dicht und gleichzeitig langsam über das Gebäude, dass man mit einem Edding „I was here“ auf die Flügel kritzeln könnte, wenn man auf dem Dach eine Räuberleiter machen würde. In der Teeküche stelle ich einmal im Jahr verschämt á la Babyklappe die zu Hause überzähligen oder ungeliebten Kaffeebecher zum Sterben in den Schrank. Seit Jahren gehen alle Frauen dort wie selbstverständlich aufs Herrenklo, denn es gibt nur zwei – ebenfalls gelbliche – Toiletten und selten männliche Seminarteilnehmer. Trotzdem genieße ich die temporäre Abgeschiedenheit jedes Mal. Das ist so eine Art „Spinnerzone“, ein unreglementierter Raum, den man mit seiner Kreativität füllen kann.

Und nun ist es passiert: Es ist alles besser geworden. Es wurde renoviert. Weiße Wände, neue Toiletten. Gleich fühlt man sich irgendwie weniger marginalisiert mit seinem Bildungshunger. Und das zu Recht, denn selbst nach vielen Jahren als Stammkundin bei der VHS lohnt es sich immer wieder, einen Kurs zu besuchen. Ulkigerweise lohnt es sogar, denselben Kurs mehrfach zu besuchen. Das Gedächtnis lässt ja mit dem Alter nach. Und bis man Dinge in sein aktives Repertoir übernimmt, muss man sie schon mehrmals hören.

An diesem Samstag war unser Thema das Lesetraining für die Schreibwerkschau  am 10.03.2016, 19.30 Uhr, Humboldt-Bibliothek: https://www.vhsit.berlin.de/VHSKURSE/BusinessPages/CourseDetail.aspx?id=391140

Natürlich, wer schreiben kann, kann auch lesen. Aber laut lesen? Das ist eine vollkommen andere Nummer. Versteht das Publikum meinen Text? Trägt denn die Stimme überhaupt? Was ist mit der Präsenz des Lesenden? Stimmen Artikulation, Tonfall und Betonung? Lese ich besser im Stehen oder im Sitzen? Habe ich meine Mimik unter Kontrolle? Wie reagiere ich auf einen Fotografen?

Das konnte ich gemeinsam mit den anderen Vortragenden gestern ausprobieren. Feedback und die Eindrücke aus der Gruppe sowie die fachlichen Hinweise von Kursleiterin Claudia Johanna Bauer führten dazu, dass alle Lesenden im zweiten Durchgang schon wesentlich sicherer und stark verbessert auftraten. Ich beispielsweise habe mich neben allem Lampenfieber von dem Fotografen stark verunsichern lassen. Denken Sie mal darüber nach, ob Haar und Jacke sitzen, und intonieren Sie gleichzeitig wie ein Ernst-Busch-Schauspielschüler. Oder „hart“, also zynisch, wie es in meinem Fall der Text verlangt. Na gut, das Papier in der Hand flattert und knattert wie ein Rahsegel am Wind, trotzdem kommt man irgendwie durch. Aber dann fordert das Publikum auch noch, man möge „noch härter“ aber gleichzeitig „ganz emotionslos“ vortragen … Klingt schwierig und war es auch. Besonders spannend: Einige Texte werden im Dialog oder sogar szenisch vorgetragen. So konnte man eine Mordkommission bei der Vernehmung eines Serientäters beobachten, mit Handschellen, Knarre und allem … ja ja, Leute, zur Mordkommission wollen, aber dann nicht mal das Publikum angucken können 🙂

Das Üben war somit (nicht nur) für mich unbezahlbar! Danke, liebe Mit-Leser, liebe Claudia und liebe Volkshochschule Reinickendorf für einen sehr spaßigen, lehrreichen Samstag am Schäfersee!

 

 

 

Inflagranti erwischt von Tilly Jones …

Über die folgende Rezension des bekannten und beliebten Inflagranti-Books-Blogs von Jack und Tilly Jones habe ich mich besonders gefreut. Erstens, weil man sich hier als Autor immer mit Respekt und Wertschätzung behandelt fühlt. Und dann: Obwohl ich hier mit der Krimi-Handlung nicht die reine Freude auslösen konnte, ist die Rezension ein super Beispiel für die Zugkraft der beiden Hauptfiguren. Liberty Vale und Martin Sanders sind halt der Hammer 🙂

http://inflagrantibooks.blogspot.de/2016/02/marzwinter-von-bettina-kerwien-rezension.html

Bettina Kerwien, geb. 1967, studierte Amerikanistik und Publizistik an der FU Berlin. Nebenbei schrieb und fotografierte sie für verschiedene Zeitungen. Nach dem Abschluss gründete sie eine Werbeagentur, vermarktete Sportereignisse und gab eine Handball-Fachzeitschrift heraus. Seit 2004 ist sie als Geschäftsführerin in einem Stahlbauunternehmen mit dem Schwerpunkt Theatertechnik tätig und widmet sich in jeder freien Minute dem Schreiben von Spannungsliteratur. Bettina Kerwien lebt und arbeitet im grünen Norden Berlins.
 

Die Berliner Staatssekretärin Dr. Julia Steinberg soll mit kompromittierenden Aufnahmen aus dem Amt gedrängt werden. Doch am nächsten Tag ist sie tot und der Lockvogel, die gutaussehende und schlagfertige Escort-Lady Liberty Vale, eine der Hauptverdächtigen. Nur gemeinsam mit dem eigenbrötlerischen Privatdetektiv Martin Sanders kann Liberty ihre Unschuld beweisen und die Hintermänner der Tat ermitteln. Eine rasante Jagd durch Berlin beginnt.

 

Märzwinter. Winterkalt. Kalt. Was erwartete ich von Märzwinter? Kälte? Winter im März? Heiße Zwischenspiele weil weniger kalte Protagonisten vorhanden waren? Oder erwartete ich, weil ich dachte ich würde die Protagonisten kennen? Irrte ich durch den Märzwinter und erfror letztendlich … oder rette mich Emotionen?

„Märzwinter“. Ein Buch auf das ich gefühlte Jahrzehnte^^ gewartet habe und als es dann bei mir war, traute ich mich nicht, anzufangen, weil ich nicht wollte, dass die Zeit mit Libby und Sanders vorbei ist. Jaja, sowas geht in meinem Kopf vor sich. Irgendwann war die Verlockung so groß, dass ich mich nicht länger wehren konnte und in die Welt von Bettina Kerwien abtauchte. Zu Anfang muss ich vielleicht zwei Dinge klar stellen: Auf dem Cover steht KRIMI! Wer etwas anderes erwartet ist selbst schuld, denn die Leser bekommen genau das, was drauf steht. Einen Krimi.

Dann muss ich leider zugeben, dass ich wirklich Erwartungen hatte. Ich kenne Libby und Sanders von einer anderen Stelle *KLICK* und wieder leider muss ich auch zugeben, dass ich den Roman um die beiden schon in meinem Kopf geschrieben hatte. Anders. Vollkommen anders. Ich hatte Erwartungen, obwohl ich immer wieder sage, dass man das lassen soll. Erwartungen machen ein Buch kaputt. Aber wieder leider, bin ich auch nur ein Mensch und ja… sie waren da, die ollen Erwartungen und ich musste lange gegen sie ankämpfen, bis ich mein altes Bild von Libby und Sanders gegen ein neues eingetauscht hatte. Bis ich in den Kopf bekam, dass es nun mal ein Krimi ist. KRIMI!!! Wer also wie ich Libby und Sanders schon kennt, sollte sich vorab eine Woche immer wieder sagen, dass „Märzwinter“ ein KRIMI ist! Dann steht dem Lesevergnügen nix im Weg. Es fällt mir noch immer schwer, diese Grenze einzuhalten, aber ich werde im Verlauf versuchen, keine Vergleiche zu ziehen. Sollte es passieren, seht es mir nach.

Die Protagonisten sind so unterschiedlich wie Sommer und Winter. Wie Feuer und Eis, wie Mann und Frau. Libby ist der Sommer, das Feuer und eindeutig die Frau. Sie ist laut, verrückt, redet wie ihr der Sinn steht und denkt meistens erst später. Sie ist blond, hat eine große Oberweite und, und jetzt kommts Freunde, sie hat wirklich was im Kopf. Sie ist nicht dumm, aber alle Welt reduziert sie auf ihr Aussehen. Libby will gerne mehr aus ihrem Leben machen, aber wie das manchmal so ist, reicht der Wunsch alleine nicht aus. Manchmal braucht man einen Arschtritt, um hoch zu kommen. Und manchmal braucht es einen Mord.

Ich mochte Libby. Von Anfang bis Ende, und ihre Entwicklung war wirklich klasse. Anfangs noch etwas naiv merkt sie bald, dass ein Mord nun mal ein Mord ist und man den nicht mit Augenklimpern und Sex vom Tisch bekommt.

Sanders ist der Winter, das Eis und durch und durch Mann. Seine Sorgen, seine Probleme, Hilfe annehmen ist was für Schwächlinge. Er regelt das auf seine Art. Er glaubt sofort an Verschwörung, weil sowieso alle gegen ihn sind. Sanders ist verkorkst, aber er weiß es und es ist okay für ihn. Er ist, wie er ist und damit kommt er klar. Und er will niemanden diese Bürde auferlegen, sich mit ihm befassen zu müssen. Auch er macht einen Wandel durch. Niemand ist am Ende von Märzwinter noch der, der er am Anfang war.

Der Krimi, der er nun mal ist, war … mir zu undurchsichtig. Dieses ganze „Bestechungsgeld-Politik-Erpressung-jeder hasst jeden-alle gegen alle-wer steckt hier mit wem unter einer Decke“-Dilemma war seltsam und ich hab nicht immer ganz durchgeblickt. Das gebe ich zu und ich schäme mich nicht dafür. Ich bin kein Krimileser und durch oben erwähnte Erwartungen lag mein Fokus auch die ganze Zeit auf den Protagonisten und ihr Zusammenspiel, als auf dem Fall selber, weswegen ich da auch gar nicht weiter drauf eingehe.

Der Schreibstil von Bettina Kerwien ist gleich geblieben und wie damals schon einzigartig. Jede Figur hat ihre eigene Stimme und das ganze Kapitel ist durch Schreibstil und Erzählung auf diese eine Person angepasst. Die Autorin müsste nicht mal die Namen der Protagonisten erwähnen, denn die könnte man durch den Stil des Kapitels ableiten! Das ist einfach nur grandios!

„Märzwinter“ ist für Krimi-Liebhaber sicherlich ein wirklich klasse Geheimtipp, der sich sehen lassen kann. Einzigartige Figuren, ein fantastisches Setting und ein funktionierender Plot.

Und vielleicht gibt es für Leute wie mich ja dann doch noch die Möglichkeit, Libby und Sanders so zu erleben, wie ich sie kennenlernte.

 

Ganz objektiv… „Märzwinter“ bekommt von mir ganz knappe 4 Marken. Für 3 ist das ganze Drum und Dran viel zu gut, und den 5 stehen meine Erwartungen einfach im Weg.

 

Mord in Bestlage

Mein aktuelles Projekt ist ein weiterer Krimi mit meinen Lieblingsfiguren, der Berliner Escort-Lady Liberty Vale und dem Privatdetektiv Martin Sanders. Die Einleitung steht, und jetzt hat es auch einen Titel: „Mord in Bestlage“.

Das Thema deutet sich da schon an, es geht um einen Immobilienhai, der eine Berliner Kleinhaussiedlung entmieten, luxusmodernisieren und an die Oberen Zehntausend verscherbeln will. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, das hat leider eine traurige Aktualität hier in der Hauptstadt. Gerade die vom Gesetzgeber geschaffene Möglichkeit, die Kosten einer energetischen Sanierung auf die Mieter umzulegen, führen vielfach zu Mieterhöhungen in unrealistischen Größenordnungen. Der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ gilt leider überhaupt nicht mehr, selbst bei öffentlichen Eigentümern tritt der Nachhaltigkeitsgedanke in den Hintergrund.

In meinem Text verkauft eine städtische Wohnungsbaugesellschaft eine denkmalgeschützte Kleinhaussiedlung. Danach werden die Bestandsmieter, die ihren Mietvertrag seit 60 Jahren haben, vom neuen privaten Eigentümer mit Mieterhöhungen von 500% konfrontiert. Da bekommt man Mordgelüste? – Genau. Ging mir auch so. Es musste sein: Der Investor muss weg. Bye bye, Immohai …

Hier kommt als kleiner Appetithappen der Prolog, viel Spass damit!
PROLOG

Verflucht

Berlin-Tegel: In den Vorgärten der Kleinhaussiedlung riecht es nach Ofenheizung und schlesischem Apfelkuchen.
Michael Waschke streckt die Hand mit der nächsten Kündigung aus. Seine Hand ist erstaunlich ruhig.
„Ich habe hier eine Zustellung für Sie“, sagt er.
Magda Rausch wischt sich die Hände an der Kittelschürze ab. Sie setzt die Lesebrille auf, öffnet den Umschlag mit ihren dicken roten runzligen Fingern.
Der Himmel über der Siedlung verdunkelt sich. Ein verrotteter Fensterladen knarrt im Wind.
„Heute werde ich Fünfundachtzig“, sagt Magda Rausch mit ihrer Kleinmädchenstimme, während sie die Kündigung auffaltet. „Es gibt Apfelkuchen.“
Es gehört zu Michael Waschkes selbstverständlichen Pflichten, die Geburtstage aller Mieter zu kennen. An Weihnachten überträgt seine Frau die Daten am Küchentisch von einem Apotheken-Kalender in den nächsten.
Magda Rauschs papierene Lider zucken über den Brief. Die alten Augen darunter sind veilchenblau.
»Den Apfelbaum hinterm Haus hat der Otto gepflanzt, als er aus der Gefangenschaft zurückgekommen ist«, sagt sie.
„Bitte unterschreiben Sie hier“, sagt Waschke. Sieht seinen eigenen Opa, wie er plötzlich vor der Tür steht, nach 8 Jahren Sibirien. Die Oma hat es ihm erzählt. Das Zustellprotokoll in der Sache Rausch flattert nervös in seiner Hand.
Magda Rausch zeigt Waschke ihre Goldzähne. »Nichts unterschreibe ich«, sagt sie. „Ich habe den Krieg und die Hitlerei überlebt. Ich habe die Mauer und die Blockade überlebt. Ich habe Otto überlebt. Ich werde auch das hier überleben.“
„Das tut mir wirklich leid.“ Waschkes Stimme ist ihm tief in die Kehle gerutscht. »Die Häuser werden saniert, wissen Sie. Kamin, Swimmingpool, Wintergarten.«
»Deshalb können Sie mich kündigen?«
Waschke kann ihr nicht ins Gesicht sehen. »Nein. Die Gesellschaft kündigt Sie, weil Ihr Garten vollkommen verwildert ist.«
Magda Rausch spuckt vor ihm aus. »Wissen Sie«, sagt sie, »Sie werde ich auch noch überleben.«
Sie schlägt ein Kreuz.
Die Welt dreht sich plötzlich nicht mehr, und Michael Waschke sieht eine veilchenblaue Träne in Extremzeitlupe fallen. In der Träne spiegeln sich die Fassaden der idyllischen Kleinhaussiedlung. Steuern sparen mit Denkmalschutz-Immobilien in Bestlage, hört Waschke seinen Chef siegesgewiss schmettern. Und als die Träne neben den Krokussen auf den Plattenweg klatscht, gerät etwas in Michael Waschke ins Schlingern.
Er sagt noch einmal, dass es ihm leidtut, mehr zu sich selbst und vielleicht auch mehr um ihn selbst, dann geht er, über das Kopfsteinpflaster zwischen den explodierenden Forsythien entlang zu seiner Hausmeisterwohnung. Das Gehen fällt ihm schwer, es ist ihm nie schwergefallen. Michael Waschke schleppt sich entlang der Vorgärten wie ein alter Mann. Er staunt. Wie verwundbar er doch ist.

 

 

 

Machtfrage: Die Rückkehr der dämonischen Guerilleros

Habt Ihr wirklich geglaubt, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe? 🙂

Die RAF hat sich 1998 aufgelöst – aber ihre Mitglieder natürlich nicht. Irgendwo sind sie. Was machen sie jetzt, wo ihr Lebensentwurf gescheitert ist? Das ist der Grundgedanke in meinem Buch „Machtfrage“ http://www.amazon.de/gp/product/3839216982?redirect=true&ref_=s9_simh_gw_p14_d0_i1.

Und plötzlich ist das topaktuell:

http://www.welt.de/geschichte/article151189309/Die-dritte-RAF-Generation-schlug-2015-wieder-zu.html

http://www.stern.de/politik/deutschland/raf-terroristen-klette–staub-und-garweg-sind-taeter-des-geldtransporter-ueberfalls-6655534.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rote-armee-fraktion-dna-spuren-von-untergetauchten-raf-mitgliedern-bei-raubueberfall-gefunden-1.2824178

Interesse an mehr? Hier eine Leseprobe. Meine Hauptfigur ist der ehemalige RAF-Terrorist Michael Glass.

berlin-mitte
mittwoch, 26. august 1998, 22:55 uhr

Die Zeit war gekommen, dass der Tod Michael Glass fand. Der Tod hatte Glass’ Herz lange geschliffen, bis der ihn darin aufnahm. Nun glaubte sich Glass eins mit ihm. Jahrzehnte hatte er sich mit der Illegalität beschieden. Die Genossen mundtot gemacht. Ihnen das Schweigegelübde abgenommen. Glass war überall gewesen. So war er auch in der Nacht anwesend gewesen, in der Martin Landauer sie verraten hatte. Er hatte es toleriert. Ein Fehler. Wer einen Verräter tolerierte, produzierte weiteren Verrat. Glass würde den Fehler korrigieren, falls er lange genug lebte. Zuerst musste er die Strategie der internationalen Bourgeoisie entlarven. Es musste sein. Ein Linker, der Gewalt als politisches Mittel ausschloss, zerfiel zu einer lächerlichen Figur – zu einem friedensbewegten Moralapostel, einer lahmen Ente.
Es war dunkel, und der Widerschein des Feuers glänzte auf dem schwarzen Haar des Michael Glass. In einem großen Ölfass schändete ein Holzfeuer ein Bündel Lumpen. Die Flammen warfen zuckende Schatten an die Wand einer verfallenen Halle.
»Und dann bist du nach Berlin?«
Michael Glass warf seine Tasche in die Ecke, zündete sich eine Selbstgedrehte an, inhalierte tief. Sein Begleiter, fast genauso groß und dunkel, jedoch sehr viel massiger, nahm einen Schluck aus der Bierflasche und ließ sich neben dem Ölfass an den schmutzigen Kacheln heruntergleiten.
»Gab keine Arbeit mehr auf der Werft«, sagte der andere.
Glass setzte sich auch. »Geniales Versteck«, lobte er. Der Boden der alten Lagerhalle war mit Plastiktüten und Müll bedeckt. Es stank nach Urin.
Der Dicke nickte begeistert. »Soll alles abgerissen werden. Dann baun se Luxushütten mit Spreeblick.« Sein Kichern hallte durch den leeren Raum.
Glass kam auf sein Eingangsthema zurück. »Was hast du gelernt?«
»Elektriker«, sagte der Dicke, grinste zahnlos, die Glotzaugen blutversprengt, strich er sich die fettigen Haare aus dem Gesicht. »In Berlin konntest du dir die Jobs aussuchen. Baustelle wollte ich nicht, im Winter zu kalt, im Sommer zu schwer. Hab bei Siemens gearbeitet, als Hausmeister. Mit Dienstwohnung.«
»Nicht übel. Was ist schiefgelaufen?« Das Glimmen der Zigarettenspitze ging gespenstisch, fast zärtlich über Glass’ scharfes Profil.
»Zu viel Durst!« Der Dicke verrenkte sich fast den Hals vor Lachen. »Hab bei einer Nachtschicht den Probealarm verschlafen, da ham sie mich an die frische Luft gesetzt, fristlos. Ohne Arbeit habe ich dann keine Wohnung gefunden. Und ohne Wohnung gibt’s keine Arbeit. Is’n Teufelskreis.« Der Dicke rieb sich den blutadrigen Nasenrücken, stellte sein Bier auf den Boden. »Willste mal sehen?« Er kramte in der Innentasche seiner Jacke, förderte eine abgewetzte Brieftasche zutage. »Hier, meine Frau, wo wir auf Urlaub waren, im Fichtelgebirge. Sah super aus. Solche Titten. Aber Platte machen wollt se nich mit mir.« Er hielt Glass sein Madonnenbild hin.
Der, von Großmut und furchtbarer Sehnsucht angeflogen, sagte: »Alle Achtung« und zeigte auf die Brieftasche. »Die solltest du nicht jedem gleich so unter die Nase halten.«
Der Dicke zog die Schultern hoch. »Is nur Perso, Pappe und ein paar Fotos drin.«
In Glass jubilierte alles. »Du hast ’ne Pappe? Echt? Zeig mal!«
Der Dicke fledderte durch die von seinem Körperfett zum Stapel verleimten Dokumente. »Hier.« Er zog einen grauen Lappen heraus und hielt ihn Glass frohlockend hin. »Hätteste nicht gedacht, wa?«
Gloria in excelsis Deo. Glass drehte das fragile Papier glückstrunken von links auf rechts. »Führerschein, da kannst du doch was draus machen, Mensch«, sagte er. »Musst aufhören zu saufen, dann kannst du Taxi fahren.«
»Lass ma.« Der Dicke nahm ihm das Dokument weg und verstaute es samt der Brieftasche wieder in seiner Jacke. »Der Zug ist abgefahren. Wenn ich noch mal so alt wäre wie du, dann vielleicht. Aber so.«
Glass zog ein Päckchen Tabak aus der Tasche, drehte sich eine neue Kippe. »Wir sind derselbe Jahrgang«, sagte er. »Ich werde auch 49.«
»Du willst mich verarschen!« Der Dicke lachte. Glass feuchtete Zigarettenpapier mit der Zunge an. »Qualmen statt Suff.« Er griff in seine Jackentasche und schien nach seinem Feuerzeug zu suchen. »So bleibst du in Form.«
Der Dicke zog seine verschnapste Nase hoch, rülpste. »Noch’n Bier?«
Glass nickte. Sein Herz schlug dunkel. »Wenn du hast«, sagte er leichthin.
Der Dicke beugte sich vor und sah in die Alditüte. Plötzlich war Glass über ihm. Stahl blitzte. Der Dicke machte eine plumpe Abwehrbewegung, als schlüge er nach einer Fliege – viel zu spät, viel zu langsam, dann fuhr ihm ein Messer durch Kehle und Halsschlagader. Er greinte schwach. Sein Kopf klappte unnatürlich zur Seite, die Augen quollen wild und rollten. Dann schrie er einmal, fast ein furchtbares Lachen. Blasiges Blut schoss aus dem Stumpf seines Halses. Er fiel vornüber auf die Alditüte, verging und lief aus.
Glass trat zurück. Wischte das Messer an seiner Jacke ab. Während er wartete, bis der Dicke in die Alditüte ausblutete, barg er den Boden unter weiteren Tüten. Dann wälzte er den schweren Körper darauf und zog ihn aus. Das fette Schwein stank bestialisch, nach Pisse und Schlimmerem. Obwohl es Sommer war, musste Glass ihm mehrere Lagen Kleidung herunterschneiden. Er warf die Lumpen in das Ölfass. Das Feuer schrie und tanzte dankbar. Glass fand die selig machende Brieftasche. Sogar ein Sozialversicherungsausweis. Unsäglicher Luxus. Bernd Zimmermann also. Ein Name wog so schwer wie der andere. Bernd Zimmermann hatte einen Führerschein, und Michael Glass würde daraus etwas machen.
Als der Dicke nackt vor ihm lag, wand Glass sich aus der eigenen Jacke und warf sie in die Tonne. Ihm war heiß. Er musste sich bewegen können. Das große Klappmesser tanzte in seiner Hand wie das Werkzeug eines Schächters. Trennte den Kopf vom Rumpf. Dumpf bollerte es, als der Schädel auf dem Boden des Ölfasses ins Feuer fiel. Kurz darauf stank es nach verbranntem Haar. Glass zerschlug Arme und Beine an den Gelenken. Das Feuer brüllte gierig, lachte schrecklich, schrie nach mehr. Fettige Schwaden schwangen aus der Tonne. Glass war dankbar für die gottverreckten Fenster und das Loch in der Hallendecke. So zog der Gestank gut ab. Als Glass den Torso in das Fass hievte, goss er Benzin nach. Es gab eine gewaltige Stichflamme, der Bauchspeck riss auf und warf Blasen. Es roch, als sei ihm der Sonntagsbraten missglückt. Glass legte Holz nach und saß still und wartete. Der Rumpf sengte und blubberte und schmorte stundenlang, als müsse erst das Feuer Bernd Zimmermann das Leben abringen. Sein Torso ruderte und krümmte sich, der kopflose Hals bäumte sich auf, die Armstümpfe schwangen, die Wirbelsäule bog sich von rechts auf links. Der Morgen dämmerte bereits, als sie endlich verglühte. Glass sann über die Knochenreste nach. Er stopfte die Alditüten ins Feuer, riesige Plastik-Blutwürste, auf dass es ein letztes Mal schrie. Dann ließ er auch das Feuer sterben.
Als die Tonne kalt genug war, um sie anfassen zu können, rollte Glass sie nach draußen zur Spree. Der Morgen war diesig und kühl, Gott sei Dank, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Gras wuchs büschelweise aus den Spalten im Beton. Rostige Moniereisen bogen sich gen Himmel. Da stand er nun, Michael Glass, dämonischer Guerillero, und wartete, bis der Wind ablandig blies. In seinem Hirn präludierte ein Choral. Näher zu dir, mein Gott. Glass rollte das Ölfass über die Kaimauer. Der Wind erfasste die Asche des Bernd Zimmermann und verteilte sie im Schutze des Morgennebels unauffällig in der Spree.

 

 

 

Begegnungen: Schreibwerkschau 2016

Die Schreibwerkschau der VHS Reinickendorf geht in die 7. Runde! Jedes Jahr im März zeigen die Teilnehmer der Schreibkurse von Claudia Johanna Bauer, was sie können. Und das kann erotisch, abenteuerlich oder poetisch sein. Jeder Text ist nicht länger als 3.000 Zeichen, was einer Lesezeit von etwa 2 Minuten entspricht. Alle Autoren schreiben zu einem Thema, und das lautet in diesem Jahr „Begegnungen“. Die Vortragenden stehen am Lesepult oder sitzen, wandern durch das Publikum – manche verkleiden sich auch, singen, treten zu zweit auf oder machen Musik. In der Pause kann man ein Weinchen und einen kleinen Imbiß verkosten. Und da mittlerweile vier veröffentliche Autoren unter den Teilnehmern sind, gibt es einen Büchertisch mit Werken von:

http://www.karimpieritz.de

http://www.andersalborg.de

http://www.carolawolff.de

und von mir auch!

Klingt immer noch piefig? – Na, da sind wir aber weit von entfernt. Beim letzten Mal wurde sogar live „Stairway to Heaven“ gespielt. Das rockt! Also: Kommen Sie einfach mal vorbei!

Von der Seite der VHS:

„Die Schreibwerkschau bietet eine bunte Mischung. Fatales, Bizarres, Groteskes. Vieles, das einen beim Zuhören berührt. Aber natürlich auch Lustiges. Im freien Vortrag. Als szenische Lesung. Oder mal ganz anders. Immer überraschend. Jedes Jahr noch beeindruckender.
Im Mittelpunkt der literarischen Schreibwerkstätten steht das Erlernen und regelmäßige Training des schriftstellerischen Instrumentariums. Dabei sind viele spannende Kurztexte entstanden. Die Autorinnen und Autoren lesen aus ihrer Produktion.“

Wo? Humboldt-Bibliothek, 13507 Berlin, Karolinenstr. 19

Wann? Do, 10.03.2016, 19:30 – 21:30 Uhr

Eintritt:  3 EUR

https://www.vhsit.berlin.de/VHSKURSE/BusinessPages/CourseDetail.aspx?id=391140

Als Kostprobe hier mein Beitrag vom vergangenen Jahr. Das Thema war 2015 „Tabu“.

Der sexy black guy

Wie lange noch, frag ich.
Regeln Sie Ihre Angelegenheiten, sagt der Arzt.
Ich hab ein Recht auf Frühling in New York, sag ich.
Kann ich nicht verantworten, sagt er.
Ich drück ein bisschen auf die Tränendrüse, und dann geht es schließlich doch irgendwie.
Der Himmel über der Stadt hat dieses rauchige, atlantische Fernblau. Ich lass mich zum Deutsche-Bank-Tower an der Wall Street fahren. Der Typ hinter dem Schalter schaut mich entgeistert an.
»Alles?« fragt er. – Natürlich.
Dann geh ich über den Friedhof der Trinity Church zum Wasser. Die Kirschbäume blühen. Ich steig auf ein Boot der Circle Line. Manhattan vom Wasser. Wenn man’s zum ersten Mal sieht, ist es so atemberaubend unwahrscheinlich wie eine Marskolonie. Wenn man’s zum letzten Mal sieht auch.
Am Battery Park hilft mir ein Herr von Bord. Es gab Zeiten, als Männer mir noch nicht auf die Füße gestarrt und »Lassen Sie mich helfen« gemurmelt haben.
Der Lavendel wogt in den Rabatten zwischen den Parkbänken an der Südspitze Manhattans. Hier legen die Fähren zur Freiheitsstatue ab. Ich komm gern her. Man kann dasitzen und hinaus auf die Inseln, die Statue und den Überseehafen mit seinen Kränen und Containerschiffen schauen. Man kann dem Geschnatter der Landeier aus New Jersey lauschen. Den Straßenkünstlern oder den chinesischen Anglern zuschauen. Ich seh mir jedes Mal eine bestimmte Straßenartisten-Show an. Da gibt’s eine Gruppe von obdachlosen Jungs. Ihr Chef ist der sexy schwarze Typ. Früher ist er immer bei den Bootsstegen an einem Laternenpfahl hochgeklettert, oben ohne, und hat den Touristinnen zugerufen: »Ladies, sehen Sie sich den sexy black guy an!«
Jahr für Jahr hab ich ihn mir angesehen. Zuhause gesagt: Konzertbesuche, Galerien, Lesungen. Mich selbst belogen.
Heute sitzt der sexy Typ mit krummem Rücken neben der Musikanlage. Wartet, bis sich genug Publikum versammelt hat. Dann steht er auf. Seine Haare sind grau. Sein Oberkörper ist immer noch einen Geldschein wert.
»Jetzt werdet ihr was Irres zu sehen bekommen«, ruft er. »Ein schwarzer Typ rennt sehr schnell, und kein Cop ist hinter ihm her!«
Der sexy Typ massiert sich den Rücken. Er sucht drei große Männer aus dem Publikum aus, stellt einen Jungen vor, der gleich einen Salto über sie hinweg machen wird.
»Das läuft so«, sagt er. »Seht ihr was, das ihr mögt – klatschen. Seht ihr was, das ihr nicht mögt – trotzdem klatschen. Seht ihr was, das ihr nicht nachmachen könnt – bezahlt uns dafür.«
Gelächter. Einige Touristinnen verdrücken sich. Ich such in meiner Tasche nach dem dicken Umschlag.
Die Jungs machen Breakdance.
»Ladies«, ruft der sexy Typ. »Gebt uns fünf Dollar – wir lieben euch. Gebt uns zehn Dollar – wir lieben euch mehr. Gebt uns fünfzig Dollar – wir gehen ins Hotel mit euch.«
Dann kreist der Sammelbeutel. Großes Hallo: eine Griechin gibt zwanzig Dollar. Ich steck den Umschlag in den Beutel.
Rhythmisches Klatschen. Der Junge nimmt Anlauf: Tusch, Salto, Applaus. Der sexy Typ macht die Musik aus. Die Touristen zerstreuen sich. Ich geh runter zum Hudson. Hinter Staten Island versinkt die Sonne, dramatisch wie das Finale eines Broadway Musicals.
Dann hör ich den sexy Typen wie verrückt schreien.
Ich stell mir vor, er kauft sich sein eigenes Hotel. Auf dem Land vielleicht.

 

 

 

Lethem Noir – eine späte Entdeckung

Ich weiß, ich bin spät dran. Zwanzig Jahre zu spät, wenn man es genau nimmt. Denn über die Feiertag habe ich jetzt doch endlich Jonathan Lethems 1994er Debütroman „Gun, with occational music“ beendet. Nicht, dass ich zwanzig Jahre an dem Buch gelesen hätte. Nein. Ich habe Lethem einfach zwanzig Jahre zu spät entdeckt.

Schon während des Lesens dachte ich immer darüber nach, wie man den Titel wohl übersetzen könnte – was Heyne aber schon 1998 genial gelungen ist, auch das deutsche Cover des Buches gefällt mir besser als das des Originals.

„Gun, with occational music“ spielt an der amerikanischen Westküste Anfang des 21. Jahrhunderts. Es ist eine SiFi/Noir-Detective-Story-Crossover-Dystopie wie aus dem Bilderbuch. Den Titel hat das Buch übrigens von einer kleinen Todesmelodie, die von den Schußwaffen gespielt wird, sobald man sie zieht. Eigentlich eine sehr coole Idee für Gewaltprävention: Wie kann man jemand mit etwas erschießen, das „Dum di dum di dum“ spielt, sobald man anlegt?  – Eben.

Inhalt: Die Polizei („inquisitors“) übernehmen die Macht im Staat und die Kontrolle über eine zunehmend von legalen Drogen ruhiggestellte Bevölkerung. Die Hauptfigur des Romans ist Conrad Metcalf, ein ehemaliger Polizist, jetzt Privatdetektiv. Der Mord an Celeste, der Frau eines ehemaligen Klienten, läßt ihn nicht los, obwohl die korrupten Ermittlungsbehörden längst einen Unschuldigen dafür eingefroren haben (in den Knast geht man nicht mehr, man wird tiefgefroren).

Die Polizei bedroht Metcalf und will ihn am weiteren Ermitteln hindern.

„It’s about this case“, I said. „I am supposed to lay off, only the case keeps rubbing up against my ankles and purring.“

Diese und ähnliche Formulierungen lassen einen alten Chandler-Jünger wie mich in Erfurcht erstarren. Der Text ist brilliant. Jede Metapher sitzt.  Der Plot funkelt und glitzert vor absurder Ideen, die sich alle – besonders – leider – die dystopischen – „richtig“ anfühlen. So wurden beispielsweise Tiere einer speziellen Behandlung („evolved“) unterzogen, können aufrecht gehen, sprechen und verhalten sich insgesamt wie Menschen. Der Superböse im Text ist ein Känguru. Als Motto stellt Lethem dem Buch ein Chandler-Zitat voran: „There was nothing to it. The Super Chief was on time, as it almost always is, and the subject was as easy to spot as a kangaroo in a dinner jacket.“ Da kennt sich einer aus, und als geübter Noir-Junky fühle ich mich heimelig, als komme ich über Weihnachten nach Hause und werde von einem lieben alten Freund mit einem Insiderwitz begrüßt.

Das Tollste aber ist die Sprache:

„The building around us was quiet, deathly quiet, and outside my window the night was like a nullification of the existence of the city. But underneath night’s skirts the city lived on. Disconnected creatures passed through the blackness, towards solitary destinations, lonely hotel rooms, appointments with death. Nobody ever stopped the creatures to ask them where they were going – no one wanted to know. No one but me, the creature who asked questions, the lowest creature of them all. I was stupid enought to think there was something wrong with the silence that had fallen like a gloved hand onto the bare throat of the city.“

Erstlingswerke haben oft diese überwältigende Fülle, diese Wucht der Entladung. Lethem aber kommt gleichzeitig technisch so ausgereift daher. Er hat keine Unsicherheit, keine Angst. Er schreibt sicher und geplant voran wie ein alter Plotterhase. Einfach rund und trotzdem nicht vorhersehbar. Wow. Habe meinen Stapel ungelesener Bücher gleich mit Lethems „Motherless Brooklyn“ nachgeladen – mal sehen, ob Lethem auch gut ist, wenn er nicht parodiert. Hoffentlich. Bitte, Gott.

Das Buch regt mich gleich zu drei Plädoyers auf einmal an:

  1. Lesen Sie mehr Debütromane! (Und (liebe VerlegerInnen) drucken Sie mehr neue Autoren!)
  2. Genre-Crossover ist nicht nur erfrischend, es ist schlicht das neue Schwarz.
  3. Wer diesen Text nicht jetzt sofort liest, der sollte 25 Karma-Punkte abgezogen bekommen (Insiderwitz, mehr dazu im Buch). Also los! 🙂

Taschenbuch: 288 Seiten, Verlag: Mariner Books; Auflage: Reprint (1. September 2003), Sprache: Englisch, ISBN-10: 0156028972,ISBN-13: 978-0156028974, Größe und/oder Gewicht: 13,5 x 1,8 x 20,3 cm

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Gun,_with_Occasional_Music

http://www.amazon.de/Gun-Occasional-Music-Harvest-Book/dp/0156028972