‚Machtfrage‘

Noch einmal die Machtfrage stellen: Ist das Gute wirklich fundamentaler als das Böse? Ali will eigentlich nur sein Leben leben, aber als plötzlich sein Vater auftaucht, muss er sich auf riskante Dinge einlassen. Er verstrickt sich in einem Netz, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

‚Machtfrage“ ist ein Thriller der für spannende, intelligente Unterhaltung sorgt.

Leseprobe:

die nordsee vor schottland

donnerstag, 20. august 1998, 20:15 uhr

Ein Sommerabend im Piper Ölfeld, hundertzwanzig Meilen nordöstlich von Aberdeen. Der Himmel über der Caledonia High North ist tiefblau, das Wasser um die Stahlstützen der Bohrinsel ruhig. Ali löst die Greifmanschette vom Bohrgestänge, stopft den Wartungsbericht in die Brusttasche. Schichtende.

Im Mannschaftsquartier zeigen sie heute Nacht African Queen, die Originalfassung. Ali liebt diesen Film. Hal, mit dem er sich die Kabine teilt, hält ihn deshalb für einen Romantiker. Hal sagt das, als sei es ein Schimpfwort. Trotzdem schade, dass nicht alle spröden Methodistenschwestern aussehen wie die Hepburn. Die Mädels aus der Kantine zum Beispiel …

Ali setzt den Helm ab, wischt sich das Öl aus dem Gesicht. Zweihundert Fuß tiefer, im Wasser, sieht er noch einen Wartungstaucher. Wohl wieder Probleme mit den Unterwassertanks. Aber auch im Kontrollraum herrscht Nervosität. Ali schiebt seinen Arbeitsbericht über den Tisch. McLoa, der diensthabende Ingenieur, starrt durch ihn hindurch. Sein Instrumentenpanel blinkt hektisch.

»Da! Irgendwas stimmt nicht mit der Kondensationspumpe!«

McLoa zeigt auf eine Reihe roter Lampen.

»Pumpe B hat sich ausgeschaltet, und ich krieg sie nicht wieder zum Laufen.«

Ali tritt hinter ihn und atmet tief durch. Ganz ruhig bleiben jetzt.

»Verdammtes Pech, Mac«, sagt er. »Pumpe A habe ich heute früh gesperrt. Das Überdruckventil ist kaputt. Ist nur n’ Blindstopfen drauf. Und deshalb hängt unsere ganze Stromversorgung an B.«

McLoa nickt und drückt ein paar Knöpfe. »Komm schon, Baby, spring an!«, murmelt er.

Ali hat plötzlich ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache. In seinem Kopf baut sich der Medienfließplan der Plattform auf wie eine Explosionszeichnung. Pumpe A darf keinen Druck kriegen. Der Blindstopfen hält das nicht aus. Aber warum blinkt auf Macs Bildschirm unter »A« ein grünes LED?

»Scheiße!« Er packt den Ingenieur am Oberarm, reißt ihn nach vorn. »Schalt das da ab! Sofort! Pumpe A darf nicht …«

Zu spät. Etwas jault schrill auf, direkt über ihnen. Die Sirene. Gasalarm. Ali fährt herum, sieht das entsetzte Gesicht des Chiefs. Dann schießt weißes Licht aus der Wand, der Stahl schreit wie eine Banshee. Die 13,8 kV Boards explodieren. Ein gewaltiger Schlag trifft ihn, schleudert ihn quer durch den Raum. Er knallt gegen einen Lüfter. Schmerz. Der Rücken. Für eine Zehntelsekunde wird ihm schwarz vor Augen. Dann kämpft er sich auf die Beine. Gott sei Dank. Es geht. Nichts gebrochen.

Er sieht sich um. Funken sprühen, Männer schreien, Rauch quillt durch geplatzte Scheiben. Hinter den brennenden Überwachungskonsolen kann er den Himmel sehen. Neben ihm rutscht McLoa die Wand herunter. Seine Augen sind starr. Sein Hinterkopf fehlt.

Ein Funker beugt sich übers Intercom. Blut läuft ihm aus den Haaren.

»Mayday, Mayday«, keucht er. »Explosion und Feuer auf der Caledonia. Wir evakuieren die Plattform!«

Gute Idee. Ali taumelt benommen auf den Flur. Er atmet flach, versucht, klar zu denken. Sein Kopf platzt fast vom Jaulen der Gassirene. Aber warum löst der Feueralarm nicht aus? Das ist schlecht. Der Alarm muss auslösen, damit die Löschwasserpumpen anspringen. Was tun? Ali rennt zum nächsten Feuermelder, schlägt mit dem Ellenbogen das Glas ein.

Noch immer nichts.

Und plötzlich fährt es ihm ins Hirn: der Taucher. Die Ansaugstutzen. Die Pumpen müssen auf Handbetrieb sein, wenn Taucher im Wasser sind. Jetzt brennen die Elektromotoren irgendwo hinter ihm im Kontrollraum. Er muss den Diesel anwerfen. Aber aus dem Schaltraum dringt schwarzer Rauch. Ali reißt Stoff von seinem Shirt ab, hält es in den Strahl eines geplatzten Wasserrohrs, presst es über den Mund. Der Rauch macht ihn blind. Er tastet nach dem Schalter, zuckt zurück, der Schmerz lässt ihn fast das Gleichgewicht verlieren – der gottverdammte Hebel glüht.

Ali drückt seine Hand in die Achselhöhle, zieht das Knie an, tritt gegen das Panel. Brennender Schrott schießt ihm um die Ohren wie ein Meteoritensturm.

Sinnlos.

Die Löschwasserpumpen reagieren nicht.

Dann weg. Raus hier. Zurück auf den Gang.

Wo bleiben die verdammten Rettungshubschrauber? Von der benachbarten Feuerlöschinsel sollen sie laut Rettungsroutine keine drei Minuten brauchen – drei Minuten sind längst vorbei.

Draußen vor dem Fenster schlagen die Flammen fünfhundert Fuß hoch in den Abend. Ali wird klar: Hubschrauber werden nicht kommen. Können nicht landen.

Männer stürzen vom Helideck, brennend wie Fackeln. Ali wird von einem schrecklichen Hustenanfall geschüttelt. Er sieht Sterne. Gott, schwört er, wenn ich das überlebe, werde ich niemals mehr Angst vorm Sterben haben.

Instinktiv weiß er, er muss nach unten. Er wird nicht in die Kantine gehen, wo sich die Crew sammeln soll. Sammeln wozu?

Der Funker meldet sich noch mal, jetzt klar in Panik: »Mayday, Mayday. Wir hatten eine schwere Explosion. Der Kontrollraum ist beschädigt. Wir können nicht mehr senden! Wir geben den Kontrollraum auf. Wir brennen!«

Feuerbälle schießen durch die Gänge, treiben Ali vor sich her, nach unten, nach unten auf die Produktionsebene. Er spürt seine Füße nicht mehr. Seine Schuhsohlen schmelzen, die Hitze sticht in die Haut. Die Handflächen sind verbrannt. Wasser. Er muss sie ins Wasser halten.

Panisch stürzt er durch eine glühende Tür an Deck. Vor dem Abendhimmel schmilzt das gigantische Stahlskelett der Hochfackel, unwirklich, wie eine Uhr von Dalí.

Ali läuft los, nach Osten, weg von den Gasleitungen. Er findet ein Seil, packt es mit seinen offenen Händen, der Schmerz frisst sich grell in sein Bewusstsein. Er kann seine Hände nicht schließen. Aber er muss.

Er zieht seine Jacke aus, reißt die Ärmel mit den Zähnen ab. Wickelt den Stoff um die Hände. Wirft das Tau runter aufs Bohrlochdeck, seilt sich ab. Sein Shirt bleibt hängen, das Seil dreht sich ein, er knallt gegen die Plattform, tanzt im Feueratem wie eine Höllenspindel.

Da fährt noch eine Explosion durch die Caledonia, die Pipeline bricht, Brandschwaden peitschen über dem Wasser.

Das Meer brennt.

Rettungsboote platzen wie Napalmbomben.

Alis Seil reißt unvermittelt. Er fällt ein paar Fuß, knallt auf Stahlblech. Benommen hebt er den Kopf. Die Farbe auf den Blechen schlägt Blasen. Über ihm bricht kreischend das Mannschaftsquartier auseinander, stürzt ins Meer. Menschen fallen wie Stoffpuppen.

Er nicht.

Er lebt.

Gut, dass er nicht in der Kantine war.

Sein Herz schlägt so hart, dass es schmerzt. Er fühlt kein Mitleid, keine Angst. Nur Entschlossenheit: Er wird nicht sterben.

Nicht hier.

Nicht heute.

Schweiß brennt in seinen Augen. Die Flammen hüllen ihn ein. Seine Haut glüht, die Plastiknähte seiner Kleidung schmelzen, kleben am Boden. Er wird hier eingeäschert. Er muss es beenden. Jetzt. Unter ihm ist Wasser, irgendwo, blind springt er ins Feuer, denkt: sauber eintauchen. Gerade halten. Er fällt und brennt und zählt: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Sekunden, dann Kälte, er taucht und sinkt – tief, zu tief. Feuerräder tanzen. Die Brust will platzen. Ali ist blind, taub, schluckt Salzwasser, die Lunge brennt. Und dann ist er doch wieder oben, bricht durch die Wasseroberfläche, direkt in ein Gasinferno. Es schwebt ein paar Fuß über dem Wasser, grillt die Luft darunter. Das Öl in seinen Haaren fängt Feuer. Er schreit, atmet Feuer ein.

Jetzt ist es aus.

Ali hält zum letzten Mal die Luft an. Will lieber ertrinken als verbrennen. Lässt sich hinuntersinken, sechs Fuß tief. Schaut nach oben. Über ihm brennt die See. Orange Flammen, weiße Flammen. Er ist direkt unter der Plattform. Da. Wie ein Urzeitdrachen stürzt der Stahlkran von der Dockebene, peitscht zischend ins Meer. Für einen Moment teilen sich die Flammen. Eine Chance! Jetzt! Schwimmen!

Ali taucht auf, krault los. Etwas stimmt nicht mit seinem Rücken. Egal. Er zieht die Arme durch. Die Plattform schwankt über ihm wie eine weiß glühende Zitterspinne. Wasser kocht, Feuer brüllt. Schwimmen! Schwimmen! Weg, bloß weg – ins Dunkel! Plötzlich ein Schatten, ein Schlag ins Genick. Wie kalt das Meer ist. Kein Boden. Tief und weich und … aus.

copyright: Bettina Kerwien

Ein Gedanke zu “‚Machtfrage‘

  1. Na, das ist ja gemein!
    Wo es spannend wird, ist Schluß!
    Was heißt aus? Was wird mit Ali? Stirbt er? Ich möchte, dass er diesem Kampf überlebt. Wie geht es weiter?
    Wo kann ich das Buch kaufen?
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht.
    LG Bianka

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s