‚Märzwinter‘

Berlin, die Hauptstadt von Lug & Trug: für Ex-Stewardess Liberty Vale ist ihr neuer Job, der sexy Honig in der Falle für eine ungeliebte Staatsekretärin zu sein, eigentlich ein Job zu viel. Am nächsten Tag ist die Staatssekretärin tot, Liberty verdächtig und mit einen Gentleman-Detektiv auf der Flucht, dessen Kopf ihr ein bisschen zu kühl erscheint.

LESEPROBE aus ‚MÄRZWINTER‘

Ich bin gerade zurück aus Sao Paulo, im Gepäck zwei Pullen Duty Free-Chanel fürs Fest. Langstrecke, ein Höllenjob: Ukrainer kotzen die Kabine voll. Über Paris muß ich einen Opi wiederbeleben. Hinter Frankfurt fällt ein Triebwerk aus. Die ganze Zeit schreit ein Baby. Und dann ist plötzlich Weihnachten in Berlin – Jingle Bells, zwei Grad, Eisregen. Ich bin kaputt, aber noch immer auf Call, in Bereitschaft. Nachts träum ich von handwarmen Kotztüten, die Samba tanzen und Vegetariern, die am Schokokuchen schnuppern und fragen: „Was genau ist Hühnchen?“ – Jetlag.

Um acht ruft der Dispatcher an, requested mich für Berlin-London. 20 Minuten später bin ich wieder in Tegel. Ich hab zwei verschiedene Schuhe an. Der Purser teilt mich für Business ein. Wir kriegen keine Rollerlaubnis, das Enteisen dauert ewig. Auf der Passagierliste einer, der es in Hollywood geschafft hat: Harry Konig. Konig hat schon vorgeglüht, sein Gesicht leuchtet wie beim Coca-Cola-Weihnachtsmann. Er will einen Schalenkoffer ins Gepäckfach stopfen. Ich spring dazu, der Koffer rutscht los und knallt mir an die Schläfe. Während ich sag: „Macht nichts, setzen Sie sich doch – ja, Bier haben wir“, läuft mir Blut ins Auge. Konig lallt, ich soll ihn anschnallen: „Sie haben den richtigen Griff, Frollein.“ Ich such erst das Bier, dann ein Pflaster.

Ladies und Gentlemen“, hör ich, „Ihr Kapitän spricht. Wir haben Starterlaubnis, zwanzig Minuten bis Take off.“

Ich wisch mir das Blut ab. „Cabin crew, all doors to automatic.“

Auf einmal steht Harry Konig hinter mir. „Ich muß pissen“, lacht er.

Das geht nicht“, sag ich, schieb ihn zurück auf seinen Platz. „Während des Starts sind die Waschräume verriegelt. Bitte schnallen Sie sich wieder an.“ Ich muß pissen!“ beharrt er. „Jetzt!“ Vielleicht noch ein Bier für Sie?“, lenke ich ab. Aber Konig weiß, was er will: „Erst pissen, dann Bier!“ Problems, problems. „Zu allererst muß das Fasten Seat Belt Sign erlöschen“, erklär ich. Ich bin ein Star“, schreit er, „Ich muß jetzt pissen!“

Ich pack den Star am Oberarm. „Dann pissen Sie halt in der Küche in den Eimer“, zisch ich. Er reißt sich los. „Eimer? Ich bin oscarnominiert, Saftschubse. Ich pisse, wo ich will.“

Ich seh in Slowmotion, dass er sein Ding rausholt und losstrullt. Er schwenkt es wie einen Gartenschlauch. Dann fällt er zufrieden in den Sitz. „Bis London hastes wieda sauber, Mädel“, grunzt Harry Konig befreit und knackt seine Bierdose.

Das ist das Zuvielste.

Nicht in diesem Leben, Schweinebacke“, lächle ich, greife nach dem Mikro als wär’s der Steuerknüppel. „Ladies und Gentlemen, your attention please: Ist ein Journalist an Bord? Ein Journalist bitte sofort in die Businessclass. Und machen Sie Ihre Kamera schußbereit, denn die Kabinencrew freut sich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir heute Oscar-Anwärter Harry Konig bei uns an Bord haben. Für seine Fans hat Konig das Bordmobiliar mit Morgenurin signiert. Wir beginnen nun mit der Versteigerung zu Gunsten von Säufer ohne Grenzen.“

Ich greif mir einen Schampus aus dem Trolley, halt auf Konig und dusch ihn ab wie bei der Formula Uno. Dann gönn ich mir auch einen großen Schluck. Das Gesicht des Pursers erscheint hinter dem Vorhang zur Holzklasse.

Scheiße …“ haucht er.

Ich schieb ihm den Trolley vors Knie. Dann leg ich den Hebel der Kabinentür um. Es rumst, eine Nitrogenflasche schießt die Tür auf. Stickstoff knallt mit 200 bar in die Notrutsche. In drei Sekunden faltet sie sich auf wie eine Himmelsleiter.

So, Herrschaften“, sag ich ins Mikro, „Schön, dass Sie mit uns fliegen wollten. Leider muß sich Ihre Crew jetzt zu ihrer eigenen Sicherheit selbst evakuieren.“

Das Gummi der Notrutsche radiert mir die Nylons vom Hintern, während ich in den Eisregen auf dem Vorfeld schlitter wie ein havarierter Weihnachtsengel.

In seinem Traum sitzt er in einem riesigen leeren Kinosaal. Es gibt nur einen einzigen Sessel, und das ist der Sessel, auf dem er sitzt. Der Sessel steht weit vorne, direkt vor der Leinwand. Er möchte aufstehen und wegrennen, aber er kann nicht. Man hat ihn festgeschnallt, den Hals an die Rücklehne, die Hände an den Armlehnen, die Füße an den Sesselbeinen. Sein Kopf ist mit einem Stahlgestell fixiert, wie bei einem Versuchstier. Er kann nicht wegschauen.

Das Programm wechselt. Mal spielen sie den Film über einen kleinen Jungen, Luca heißt er. Sein Vater ist Polizist. Dann zeigen sie Bilder aus dem Leben einer jungen Frau, Rebecca. Sie lebt mit Mann und Kindern auf Sylt, tanzt als Innenarchitektin von Erfolg zu Erfolg. Mal sieht Sanders die Geschichte von Philip, Juraprofessor aus Deutschland, der in Berkley lebt, verheiratet mit einer Amerikanerin, eine Tochter, ein Hund.

Und in besonders grausamen Nächten wie dieser spielen sie das Drama vom Abend des vielzuvielsten Tages. Berlin Dahlem, ein früher Abend im April ’79, früh im Jahr und doch zu spät, endlich der Abend, ihr Abend, Veronika Sanders hat keinen Plan, es ist ein Versuch, ein Selbstversuch, sie weiß, wo die Autoschlüssel sind, gefahren ist sie seit ein paar Jahren nicht mehr, sie darf ja, sie kann fahren, sie hätte üben können, aber dann ist er plötzlich da: der Abend des vielzuvielsten Tages.

Veronika Sanders sieht sich selbst in der dunkelgrauen Schleiflacktäfelung der Bibliothek ihres Mannes erscheinen wie eine weiße Frau, es riecht nach Pronto und Pelargonien, zu ihren Flamingolippen trägt Veronika einen beigen Yves-Saint-Laurent-Anzug und goldene Schuhe, ihre Wimpern flattern wie schwarze Schmetterlinge, ihre vanilleblonden Locken fallen über die Nadelstreifen wie Softeis, so, wie es sein soll, eine Mischung aus Paris Match und Die kluge Hausfrau, aber der dunkle Schleiflackspiegel zeigt die wahre Veronika, eine verlorene schreckliche Königin mit schwarzen Adern unter viel zu dünner Haut, sie hat zu viel gelesen, sie stellt das Buch zurück, es ist sein Buch: Obscurum Per Obscurius, ein Zauberbuch, das Veronika unsichtbar macht, wischt mit dem Jackenärmel die Fingerabdrücke vom Regal, zum letzten Mal, Ordnung ist dem Mann wichtig, auch hier in der Bibliothek, einem kalten Nierentischraum, der auf den Garten hinaus geht, da blühen rechter Hand Fliederbüsche des Mann und linker Hand die Forsythien des Mannes, dahinter färbt das Abendrot den Horizont, der niemandem gehört, niemandem oder allen, auch Veronika, sie will den Horizont wieder, sie wird ihn sich nehmen, ihre Haut soll wieder dick sein, sie soll wieder sichtbar werden.

Veronika Sanders zieht die goldene Pillendose des Mannes aus der Anzugtasche, „Mx“ – die weißen Tabletten mit den eingeprägten Buchstaben sind klein, unscheinbar, wichtig jetzt, denn die Flügeltüren öffnen sich, Rebecca betritt die Bibliothek, schmal, mit Pfirsichhaut, Jeans und weißer Bluse, die Fingernägel ausgemalt wie ein Malbuch, sie übt schon, sie wird werden wie Veronika, dabei ist sie erst elf Jahre alt, Veronika muß handeln, Rebecca bringt das Wasserglas, die Wasseroberfläche zittert.

Schlafen deine Brüder schon?“ fragt Veronika.

Rebecca nickt. „Ich bin auch müde, Mama.“

Und deine Kopfschmerzen?“ Veronika streicht ihrer Tochter das Haar aus der Porzellanstirn, Rebeccas Augenbrauen schwingen zusammen.

Sind schlimmer geworden,“ sagt sie. „Vielleicht doch wieder Migräne.“

Mein armer Liebling.“ Veronika Sanders hält ihr die Pillendose hin. „Jetzt nimmst du erst einmal eine Kopfschmerztablette, und wenn es dann nicht besser wird, fahren wir zum Arzt.“

Rebecca ist gehorsam, sie nimmt die Tabletten des Mannes, trinkt das Wasser des Mannes, der Schluckreflex lässt ihre magere Gurgel unter der Haut zucken wie einen Sandwurm, Rebecca stellt das Wasserglas ab, auf den Schleiflack des Mannes, Veronika fährt zusammen.

Nicht!“ Sie reißt das Glas ansich, poliert den Lack mit einem Taschentuch, lauscht dem erschreckten Aufgalopp ihres Herzens, findet sich erbärmlich, kann sich doch nicht kontrollieren, denkt an Pronto, hört erst auf zu wischen, als keine Spur den Wasserrand mehr verrät.

Darf ich noch fernsehen?“ fragt Rebecca.

Unter der Woche?“ empört sich Veronika reflexartig, „Was glaubst du sagt dein Vater dazu?“

Rebecca weiß nicht, dass das nicht mehr zählt, aber Kinder brauchen Grenzen und die routiniert vorgetragene Drohung erfüllt ihren Zweck, das Licht in Rebeccas Augen erlischt, so wie es sich gehört für höhere Töchter. „Bring das Glas in die Küche, wasch es ab“, befielt Veronika. „Leg dich hin. Die Tablette wirkt dann besser.“

Irgendwo im Haus klappt eine Tür, die Eingangstür nicht etwa, nein, noch nicht, Gott sei Dank, noch nicht, es ist ja auch viel zu früh, obwohl längst alles zu spät ist, aber nicht chronologisch, chronisch eher, wie ähnlich sich die Wörter sind, Uhren kann man zurückdrehen, das Leben nicht, es ist kein Indikator, kein Symptom.

Ich denke, deine Brüder schlafen schon?“ herrscht Veronika Rebecca an, Rebecca duckt sich weg, schützt ihr Gesicht mit dem Unterarm, zurecht, Veronika will das nicht, sie muß es tun, wieder und wieder.

Martin war schlecht,“ flüstert Rebecca, hält sich den Bauch. „Vielleicht muß er nochmal ins Bad.“

Dann wird plötzlich, endlich alles weich an dem Mädchen, es strauchelt, Veronika fängt es auf, es riecht nach Badeschaum.

Ich seh` nichts mehr, Mama!“ wimmert Rebecca. „Was ist das? Ich hab‘ Angst!“

Veronika hält ihr Mädchen fest, eigentlich ist es das Mädchen des Mannes, alles gehört ihm, der Flieder und sogar die Vanillelocken, sogar Veronikas Stimme, die so beruhigend gurrt: „Das ist die Migräne, Liebling. Ich trage dich ins Auto, und dann fahren wir zum Arzt.“

Ich hab Angst, Mama. Was ist denn los mit mir?“ Rebeccas Stimme schwindet, sie weiß instinktiv, dass etwas falsch ist, kluges Mädchen, zu klug. „Ich will nicht zum Arzt, morgen ist …“

Die Frage, was morgen sein wird, verfliegt, als Veronika den Autoschlüssel vom Dielenschrank greift. „Du brauchst keine Angst zu haben. Alles wird gut.“

Ich hab aber …“

Ruhig, Liebling.“ Veronika stößt die Tür zur Garage mit dem Knie auf, schnallt das Mädchen auf dem Rücksitz des Wagens an. „Du brauchst keine Angst zu haben, Rebecca,“ flüstert sie. „Nie wieder.“

Sie ist sich sicher, das ist die Wahrheit, jetzt nur noch die Zwillinge holen, und dann: nie wieder Angst, aber Philip schläft schon, wacht auch nicht auf, als Veronika ihn hochhebt, er ist schwer, 30 Kilo totes Gewicht, Veronika schleppt ihn die Treppe hinunter, schnallt ihn neben Rebecca an, Martin, der jüngere Zwilling, das letzte Kind, er ist anders als Philip, lebhafter, das Abendessen hat er erbrochen, trotzdem ist er benommen.

Wir fahren zum Arzt,“ flüstert Veronika ihm ein, Martin hat nicht Rebeccas Instinkt, er glaubt ihr, er vertraut ihr, sie stützt ihn, sie taumeln die Treppe hinunter, er quält sich auf den Beifahrersitz, kaum groß genug für den Anschnallgurt, Veronika setzt sich hinter das Steuer, sie verstellt den Sitz, den Rückspiegel, stößt den Schlüssel mit zitternden Fingern ins Schloß, der Wagen springt an, sie liest vom Steuerknüppel ab, wo der Rückwärtsgang ist, die Pedalen treten sich schwer mit den goldenen Schuhen, der Wagen jault und springt rückwärts, Veronika sieht im Rückspiegel Wunderkerzenfunken, die Helligkeit hüllt den Wagen ein wie das Licht, das Sterbende sehen, die Garage wird zum Lichttunnel, Veronika fährt durch Bengalfeuer in eine Waschstraße voller Licht, an den Scheiben läuft Feuer ab, der Wagen wird mit Feuer gewaschen, die Flammen brüllen mit Kinderstimmen, lecken Veronika das alte Leben von der Haut mit Raubtierzungen.

 

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