Lernen durch Schmerz

Man liest ja allerhand. Das ist ein bißchen wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.  Ich habe mir zum Beispiel eine ganze Kiste gebrauchte Chandlers bei einem bekannten modernen Internetantiquariat besorgt. Da lese ich mich gerade durch. Teilweise erschreckend, wie nachlässig das übersetzt wurde:

„Das sollte nur ’n Witz sein“, sagte sie. „Aber ich hoffe zu Gott, dass es da genug Blondinen gibt, wo er jetzt ist. Hier hat er die Nase nie voll kriegen können von diesen billigen Flittchen.“

(aus: Lebwohl, mein Liebling)

Das steht da echt. Also keine Spur von Lektorat, und das war 1976. Das schmerzt, aber man lernt daraus, dass das auch keine neumodische Erscheinung ist. Gibt natürlich auch Auswüchse. In einem „Dr. Norden“-Heftchenroman las ich letztens denselben Satz zweimal hintereinander. Aber das ist natürlich eine andere Liga.

Durch eine Verlagsabsage kam ich auf Simone Buchholz‘ Krimireihe um die Hamburger Staatsanwältin Chas Riley. Das ist ein wirklich polarisierendes Buch. Mir gefiel das stilistisch wirklich sehr gut, erster Satz:  „Der Himmel sieht so auch, als müsse er sich gleich wieder hinlegen.“ Oder so ähnlich. Ich kann gerade nicht nachschauen. Ich habe in den letzten Jahren kein Buch so oft verborgt wie dieses. Die einen sagen, ich kann diese kurzen Sätze nicht ab. Präsens und ich-Innenperspektive, das geht gar nicht.  Die anderen sagen, die kann wirklich schreiben. Was ich persönlich komisch fand: Der Titel hat meines Erachtens nichts mit dem Inhalt zu tun.  Und ca. auf Seite 200 kommt plötzlich so eine Art Status der seelischen Verfassung aller Figuren. Oder ist es ein Stück Figurenentwicklung? Man weiß es nicht. Aber da lerne ich draus, dass man mehr machen kann, als man glaubt. Nicht immer nur stormlinienförmig Richtung Markt schielen, authentisch sein bringt einfach mehr Zufriedenheit. Natürlich lesen einen dann nicht alle. Aber will man das? Besser, die einen verstehen, lesen einen. Würde ich mir jedenfalls wünschen.

Und dann habe ich noch etwas gelesen, das mir empfohlen wurde: Bruno, Chef de police. War mir erstmal schon sympathisch, weil wir mal einen sehr netten Hund hatten, der so hieß. Martin Walker ist kein Franzose, schreibt aber über ein Dorf im Périgord. Und das macht er so: tell, tell, tell:

„Sein dichtes dunkles Haar war kurz geschnitten, die braunen Augen blickten verschmitzt, und die vollen Lippen unter dem sorgfältig gestutzten kleinen Schnauzbart lachten sichtlich gern.“

Nix show, wie man es ja nach gängiger Schreiblehre heutezutage tun sollte. Und á la Patricia Cornwell hat Walker auch noch gleich  noch ein Kochbuch draußen. Soll man nun generell keine Autoren lesen, die zu ihrer Krimireihe ein Kochbuch nachschieben? Oder selbst schonmal ein Kochbuch im Plot anlegen? Letzteres. Leider hat mein Detektiv im Kühlschrank nur weißes Licht und Zitronengraspaste. Das wäre mal eine Herausforderung. Titelidee: „Kochen mit Licht“.

Jedenfalls, der Walker geht weg wie geschnitten Brot. Trotz tell. Und ich habe ihn durchgezogen, obwohl das nicht meinen Lesegewohnheiten entspricht. Bin auf Seite 328 mit einer coolen Szene belohnt worden: Nach einer exquisiten Liebesnacht steht der chef de police nackt in seinem Garten am Misthaufen und pinkelt zusammen mit seinem Jagdhund synchron auf den Mist. Beifall kommt von der Geliebten, aber auch von mir. Magnifique! Eine Perle von einer Szene.

Fazit: 1) Jeder Topf findet seinen Deckel. Das macht mir als Schreiberling Mut. Und 2) Auch mal gegen den eigenen Geschmack lesen, selbst wenn es schmerzt. Man hat einen viel analytischeren Blick beim Lesen, und man kann immer etwas lernen darüber, wie andere es machen. Wie man es auch machen könnte. Wenn man könnte 🙂

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Ray Bradbury über das Schreiben

“If you want to write, if you want to create, you must be the most sublime fool that God ever turned out and sent rambling. You must write every single day of your life. You must read dreadful dumb books and glorious books, and let them wrestle in beautiful fights inside your head, vulgar one moment, brilliant the next. You must lurk in libraries and climb the stacks like ladders to sniff books like perfumes and wear books like hats upon your crazy heads. I wish you a wrestling match with your Creative Muse that will last a lifetime. I wish craziness and foolishness and madness upon you. May you live with hysteria, and out of it make fine stories — science fiction or otherwise. Which finally means, may you be in love every day for the next 20,000 days. And out of that love, remake a world.”
― Ray Bradbury