Extreme Figurenentwicklung, extrem gelungen

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Matt Ruff hat mich erwischt.
Zugegeben, der Mann brauchte eine zweite Chance. Vor ungefähr 25 Jahren, ich war in einer frühadoleszenten Findungsphase und las „Absolute Beginners“ von Colin MacInnes (heute vergessen, obwohl in der Verfilmung Bowie mitspielte) oder „The Graduate“ (Charles Webb, verfilmt mit – na klar, dem traurig schauenden Dustin Hoffmann) und natürlich Salinger rauf und runter, gab ich Matt Ruff die erste Chance, es war nicht nur seine erste Chance bei mir sondern überhaupt sein erstes Buch: „Fool On The Hill“. Das war mir zu viel, zu viele Ideen für einen Text, zu wirr, zu viele Handlungsstränge. Ich habe es noch. Ich schleiche darum herum, aber die Lektüre fühlt sich an wie Drogen nehmen und als ob die Achtziger zurück sind. Die Hälfte des Textes ist Figurenentwicklung, Gott ist ein Schriftsteller namens Mr Sunshine, und dann ist der Text aus. Nicht wirklich meins.
Aber ein Wahnsinnstalent, dieser Ruff. Jemand hätte ihm damals sagen sollen, dass man nicht mit jedem Buch die Welt retten muss. Dass man auch für jede Idee EIN Buch schreiben kann und nicht alle Ideen in ein Buch schreiben muss. Ganz ruhig, Brauner.
25 Jahre später. Durch Zufall fällt mir sein Text „Set This House In Order“ in die Hand, nicht taufrisch, zuerst gedruckt 2003. Und – Jubelschrei! – jemand HAT Matt Ruff gesagt: ein Thema, ein Buch, das reicht, Junge! In gewisser Weise ist er sich trotzdem treu geblieben. Die Kurzbiografie vorne im Buch bezeichnet ihn als „obsessive Persönlichkeit“ – ein bißchen mehr darf es offenbar immer sein.
„Normale“ Autoren schreiben oder zeichnen oder überlegen sich zumindest für jede ihrer literarischen Hauptfiguren einen Satz Eigenschaften und Vorlieben, einen Namen und eine Persönlichkeit. Ruff macht Folgendes:  Er läßt im „House“ zwei Hauptfiguren auftreten: Andrew Gage und Penny Driver. Andrew ist der „Hausverwalter“ in einem ganzen Haushalt von „Seelen“, soll heißen: Andrew hat eine multiple Persönlichkeit. Seine Seelen sind unterschiedlichen Geschlechts und Alters, es gibt den sechsjährigen Jake oder die Malerin Tante Sam. Aber Andrew hat die „Sache“ scheinbar im Griff. Penny, die er über die Arbeit kennenlernt, ist ebenfalls multipel, hat sich dies aber noch nicht bewußt gemacht. Gemeinsam gehen sie auf einen Roadtrip, die große dramatische Frage lautet: Hat eine von Andrew Gages Persönlichkeiten in der Vergangenheit seinen Stiefvater umgebracht? Das ist spannend. Das Spannendste ist aber für mich, wie Ruff es schafft, unter dem Dach seiner Hauptfiguren, ohne dass diese fadenscheinig oder unglaubwürdig werden, jeweils eine ganze Gruppe von Personen mit einem eigenen Satz von Verhaltens- und Interessenseigenheiten zu versammeln, die man als Leser jeweils ganz deutlich separat vor sich sieht (obwohl sie alle fast genauso aussehen). – Brilliant! Wie macht der Autor das? Mit Details. Die eine Figur raucht, die andere sagt immer nur „fuck, fuck“, die dritte hat eine andere stärkere Körperspannung, die vierte will mit jedem Mann ins Bett … der Effekt ist verblüffend.
Man fängt an zu überlegen, ob man selbst seine unterschiedlichen Befindlichkeiten und Macken nicht auch benennen könnte. Heute war ich in brast und hab alle angemault – sorry, Leute, heute hat „Brutus“ den Körper gemanaget. So in der Art.
Besonders unheimlich finde ich Ruffs Konzept der „Zeugen“. Einige von Andrews Seelen haben keine voll ausgebildete Persönlichkeit, es sind Abbilder von Andrew in dem Moment, in dem ihm ein bestimmtes traumatisches Erlebnis passiert ist. Die Funktion der „Zeugen“ ist, nur diese eine Erinnerung zu verkapseln und zu bewahren. Um sich mit einer dieser Erinnerungen wiederzuvereinigen, sie sich also wieder bewußt zu machen, muss die „Zeugenseele“ Andrews Kopf schlucken – wie ein Löwe im Zirkus. – Das fand ich wahnsinnig plausibel. Wer weiß, wer weiß …
„A stunningfeast of literarycraftsmanship.“ – San Francisco Chronicle
Dem ist nichts hinzuzufügen. Unbedingt empfehlenswert.
Der Inhalt des Buches, auf Deutsch unter dem Titel „Ich und die anderen“ bei DTV erschienen, in der Zusammenfassung des Verlages:
Gar nicht so leicht, jeden Morgen die Bedürfnisse aller Hausbewohner zu befriedigen. Aber eigentlich hat Andrew Gage sich und seine »anderen« ganz gut im Griff. Andrew hat eine Multiple Persönlichkeitsstörung; mit Unterstützung einer engagierten Psychologin hat er es jedoch geschafft, für die vielen Ich-Abspaltungen in seinem Kopf ein imaginäres Haus zu konstruieren

Eine strenge Hausordnung ist der Garant dafür, daß Andrew sich im wirklichen Leben behaupten kann. Doch die Grundmauern des Geisterhauses beginnen stark zu wackeln, als Andrews Chefin Julie, Gründerin einer Firma, die sich mit virtueller Realität befaßt, die junge Penny Driver einstellt. Denn Penny ist ebenfalls multipel – nur weiß sie das noch nicht. Ob die nymphomane Loins, die lauthals fluchende Maledicta oder die gewalttätige Malefica: Wann immer eine ihrer verschiedenen »Seelen« die Herrschaft über Leib und Geist gewinnt, kommt es zu einem Blackout.

Julie glaubt, daß Andrew Penny helfen könnte, doch allzu schnell läuft die Situation aus dem Ruder und Andrews filigranes Seelengefüge droht ebenfalls aus dem Gleichgewicht zu geraten. Den beiden bleibt nur eins: Sie müssen sich dem dunkelsten Kapitel ihres Lebens stellen. So finden sich Penny und Andrew – inklusive einem Dutzend Seelen auf dem Rücksitz – auf einem irrwitzigen Roadtrip quer durch Amerika wieder, der sie mit ihren traumatischen Kindheitserlebnissen konfrontiert. Und plötzlich steht die Frage im Raum, ob Andrew in seiner Vergangenheit einen Mord begangen haben könnte …

»Ruff verblüfft durch seinen Einfallsreichtum, mit dem er der verrückten Geschichte immer wieder neue Wendungen gibt – Spaß pur!« (Focus)

Freitag, 26. Juni 2015: Weltpremiere

.Featured image.. meine erste Solo-Lesung aus „Machtfrage“:

19:00 Uhr, Buchhandlung Leseratte in Falkensee

Spandauer Straße 188

14612 Berlin

http://www.leseratte-falkensee.de

Wird es der „Auenwehr“-Stiftung gelingen, den Ex-RAF-Terroristen Michael Glass von einem Anschlag auf die Berliner Reichstagsbaustelle abzuhalten?

Natürlich signiere ich Eure Bucheinkäufe 🙂

Eintritt EUR 3,00

Die Gefährderin – eine dystopische Fingerübung

Noir ist mein Lieblingsgenre, New York mein Lieblingsort – und das ist meine Neuentdeckung des letzten Jahres:

http://www.amazon.de/2-14-Dewey-Decimal-Roman-Nathan-Larson-ebook/dp/B00VTPINMW/ref=sr_1_fkmr0_3?ie=UTF8&qid=1429039543&sr=8-3-fkmr0&keywords=Dewie+Decimal+Larson

14. Februar: Am Valentinstag ist New York durch eine Serie von Anschlägen zerstört worden. Die Bevölkerung ist dezimiert, die Behörden sind korrupt, außer Kontrolle geratene bewaffnete Einheiten haben die Macht übernommen. Dewey Decimal, der letzte Verwalter der New York Public Library, bewahrt Stil und Haltung, auch wenn er bis an die Zähne bewaffnet ist. Er war einmal Soldat, mehr weiß er nicht, denn seine Erinnerung ist manipuliert. Seine Fähigkeiten zu kämpfen und zu töten sind optimiert. Sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Neurosen haben System. Und sein Sinn für Sprache und Witz ist ein weiterer Bestandteil seines Waffenarsenals.
Als er von der Stadtverwaltung auf eine osteuropäische Gang angesetzt wird, beginnt ein Trip durch die apokalyptische Stadtlandschaft, bei dem sich mafiöse Verstrickungen bis in höchste Regierungskreise offenbaren. Mit Dewey Decimal werden die Leser in rasantem Tempo durch die Handlung gejagt, als befänden sie sich in einem Ego-Shooter-Szenario, in dem nichts ist, wie es scheint. Eine sprachmächtige, in die Zukunft geworfene Erneuerung des »Noir«.

Ein absoluter Lesetipp. Lesen Sie das Original. Und zur Einstimmung ein Versuch von mir, denselben Ton zu treffen:

„Es ist der zweite Sommer nach den Ereignissen vom 20. März. Dank eines riesen Etats für den »nationalen Wiederaufbaupakt« fährt die U-Bahn wieder. Ich steige am ehemaligen Bundeskanzleramt aus und gehe direkt in die Zentrale. Der warme Sprühregen schwächt den Gestank nach brennendem Plastik aus den Müllgruben im Tiergarten ab. Auch die Spree kann man riechen. Die brodelnde Brühe steht bis knapp unter Straßenniveau. Manchmal fließt sie rückwärts. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Ich arbeite für die Justiz, in der Zufuhr des Krematoriums. Kremierer haben nach dem 20. März viel zu tun. Krisenfester Job und warm im Winter. Bezahlt wird in Naturalien, Multivitamintabletten und Emergency Food 2.0. Ein Proteinriegel mit 2.000 Kalorien und einer Mindesthaltbarkeit von 15 Jahren. Wir backen ihn zwischen den Einäscherungen. Der Generator für die Öfen läuft eh. Die Kraftwerke haben am 20. März einiges abbekommen, also brauchen wir die Abwärme der Krematorien als Prozesswärme. Wir von der Zufuhr müssen ständig für Nachschub sorgen: Obdachlose, Gendefekte, Alte, Gefährder.
Ich setze mich vor meine Monitorwand und seh die Updates des Staatsanwalts durch. Vor der Gedächtniskirche hat jemand die Regenbogenfahne gehisst. Seit einer Woche bin ich an einer Gefährderin dran. Radikalisierte Anarchistin, normalgewichtig, rotwangig, rothaarig. Hoher Brennwert. Auf den Glauben an die Herrschaftslosigkeit steht die Verbrennung. Die Akte der Frau ist mit »Zippo« getaggt: finden, identifizieren, einäschern.
Ich weiß, die Frau ist irgendwo in den Trümmerfeldern der City. Ich suche mit der automatischen Gesichtserkennung in den Livestreams von über 3.000 Überwachungskameras. Glückstag. 22 Sekunden bis zum Treffer. Die Frau trägt etwas aus einem geborstenen Kaufhausfenster. Um sicher zu gehen, scanne ich ihre DNA. Sofort erscheinen auf meinem Bildschirm alle Organ. Bay Auktionen, für die sie zur Verwertung infrage käme. Sie ist A positiv, ihr Körper 3 Billiarden Reichsbits wert. Schöne Augenfarbe. Die Netzhaut allein bringt ein Vermögen. Die Gebote fliegen ein. Wow. Ich blocke ihren Datensatz in der Kartei. Wer zuerst kommt, kassiert zuerst. Ich ziehe ihren Personalausweis ein. Das ist meine Chance, von hier wegzukommen.
Auf den Kameras sehe ich, wie die Frau Sachen an eine Gruppe ausgemergelter Kinder verteilt. Ich markiere sie mit einen GPS-Chip. Die Frau zuckt zusammen, schaut sich verwirrt um. Ich setze das EEG-Headset auf und starte eine Napper-Drohne, Tarnkappen-Modus. Kameraauge an. Logge die GPS-Daten ein, denke die Drohne auf 1000 ft und vorwärts. Durch den Staub über den Ruinen der Bürgerhäuser am Ku’Damm. Flugdenken macht Spaß. Ich weiche den Kuba-Flamingos aus, die auf dem KaDeWe nisten. Ich denke die Drohne herunter auf 300 ft, der Auto-Napper rastet ein. Ich lehne mich zurück.
Die Frau fährt auf und rennt. Immer rennen sie. Nie haben sie eine Chance. Die Frau flankt über Trümmer, Treppen runter, U-Bahn Wittenbergplatz, Decke eingestürzt. Die Drohne summt in meinem Kopf. Das Headset scannt mein Emotionszentrum, sucht die passende Musik. Zum ersten Mal seit Monaten Walzer, André Rieu. Das ist unanarchistisch.
Die Drohne stellt die Frau in einer Ecke. Trotzig starrt sie in die Kamera.
Auf meinen Bildschirm blinkt »Gefährderin erfasst – Zippo aktivieren?«
Wenn ich den Knopf drücke, ist sie Flugasche und der Staatsanwalt glücklich. Wenn ich sie auf Organ.Bay einstelle, bin ich reich und glücklich. Ich erinnere mich an irgendetwas. Ein Gefühl. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber das Gefühl hat mir gut getan damals. Ich stehe auf. Ich lösche die Akte, setze das Headset ab und gehe.“

Lernen durch Schmerz

Man liest ja allerhand. Das ist ein bißchen wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.  Ich habe mir zum Beispiel eine ganze Kiste gebrauchte Chandlers bei einem bekannten modernen Internetantiquariat besorgt. Da lese ich mich gerade durch. Teilweise erschreckend, wie nachlässig das übersetzt wurde:

„Das sollte nur ’n Witz sein“, sagte sie. „Aber ich hoffe zu Gott, dass es da genug Blondinen gibt, wo er jetzt ist. Hier hat er die Nase nie voll kriegen können von diesen billigen Flittchen.“

(aus: Lebwohl, mein Liebling)

Das steht da echt. Also keine Spur von Lektorat, und das war 1976. Das schmerzt, aber man lernt daraus, dass das auch keine neumodische Erscheinung ist. Gibt natürlich auch Auswüchse. In einem „Dr. Norden“-Heftchenroman las ich letztens denselben Satz zweimal hintereinander. Aber das ist natürlich eine andere Liga.

Durch eine Verlagsabsage kam ich auf Simone Buchholz‘ Krimireihe um die Hamburger Staatsanwältin Chas Riley. Das ist ein wirklich polarisierendes Buch. Mir gefiel das stilistisch wirklich sehr gut, erster Satz:  „Der Himmel sieht so auch, als müsse er sich gleich wieder hinlegen.“ Oder so ähnlich. Ich kann gerade nicht nachschauen. Ich habe in den letzten Jahren kein Buch so oft verborgt wie dieses. Die einen sagen, ich kann diese kurzen Sätze nicht ab. Präsens und ich-Innenperspektive, das geht gar nicht.  Die anderen sagen, die kann wirklich schreiben. Was ich persönlich komisch fand: Der Titel hat meines Erachtens nichts mit dem Inhalt zu tun.  Und ca. auf Seite 200 kommt plötzlich so eine Art Status der seelischen Verfassung aller Figuren. Oder ist es ein Stück Figurenentwicklung? Man weiß es nicht. Aber da lerne ich draus, dass man mehr machen kann, als man glaubt. Nicht immer nur stormlinienförmig Richtung Markt schielen, authentisch sein bringt einfach mehr Zufriedenheit. Natürlich lesen einen dann nicht alle. Aber will man das? Besser, die einen verstehen, lesen einen. Würde ich mir jedenfalls wünschen.

Und dann habe ich noch etwas gelesen, das mir empfohlen wurde: Bruno, Chef de police. War mir erstmal schon sympathisch, weil wir mal einen sehr netten Hund hatten, der so hieß. Martin Walker ist kein Franzose, schreibt aber über ein Dorf im Périgord. Und das macht er so: tell, tell, tell:

„Sein dichtes dunkles Haar war kurz geschnitten, die braunen Augen blickten verschmitzt, und die vollen Lippen unter dem sorgfältig gestutzten kleinen Schnauzbart lachten sichtlich gern.“

Nix show, wie man es ja nach gängiger Schreiblehre heutezutage tun sollte. Und á la Patricia Cornwell hat Walker auch noch gleich  noch ein Kochbuch draußen. Soll man nun generell keine Autoren lesen, die zu ihrer Krimireihe ein Kochbuch nachschieben? Oder selbst schonmal ein Kochbuch im Plot anlegen? Letzteres. Leider hat mein Detektiv im Kühlschrank nur weißes Licht und Zitronengraspaste. Das wäre mal eine Herausforderung. Titelidee: „Kochen mit Licht“.

Jedenfalls, der Walker geht weg wie geschnitten Brot. Trotz tell. Und ich habe ihn durchgezogen, obwohl das nicht meinen Lesegewohnheiten entspricht. Bin auf Seite 328 mit einer coolen Szene belohnt worden: Nach einer exquisiten Liebesnacht steht der chef de police nackt in seinem Garten am Misthaufen und pinkelt zusammen mit seinem Jagdhund synchron auf den Mist. Beifall kommt von der Geliebten, aber auch von mir. Magnifique! Eine Perle von einer Szene.

Fazit: 1) Jeder Topf findet seinen Deckel. Das macht mir als Schreiberling Mut. Und 2) Auch mal gegen den eigenen Geschmack lesen, selbst wenn es schmerzt. Man hat einen viel analytischeren Blick beim Lesen, und man kann immer etwas lernen darüber, wie andere es machen. Wie man es auch machen könnte. Wenn man könnte 🙂

Liebster-Fragen

www.carol8833282_origawolff.de hat mich für den „Liebster Award“ nominiert, der unbekannte Blogs bekannter machen soll. Ich stelle mich Carolas 11 Fragen – und gebe 11 1/2 Antworten. Meine Lieblings-Liebster-Frage war übrigens die mit der Fee …

Was inspiriert dich zum Schreiben?

Generally speaking: die Anderen. Was die machen/sagen/sich trauen … Diana Gabaldon nennt Schreiben »The Cannibal’s Art«, das finde ich ganz treffend. Man ist ein Parasit. Ohne das Leben hätte man nichts, das man imitieren, zuspitzen oder verschlimmbessern könnte. Das gilt auch für die Figuren. Natürlich sind da draußen Männer mit Wangenknochen, an denen eine Frau sich schneiden kann … Ich glaube ja auch noch an den Weihnachtsmann, Ladies.

Hast du bestimmte Schreibrituale?

Ich … waaaas? Nein! Ich tue es den ganzen Tag. Das führt teilweise zu ernsthaften Konzentrationsproblemen. Letztens wollte ich Kaffee kochen und habe ein Knäckebrot in den Filter getan … Ich habe immer die Hosentaschen voller bekritzelter Notizzettel.

Fühlst du dich manchmal von deinen Charakteren verfolgt?

Nein. Gefühlt ist es eher so, dass sie irgendwo unabhängig von mir existieren und ich mich nur bei Bedarf auf ihr Leben »draufschalte«. Eine ganz bestimmte Figur »bin« ich am Liebsten. Leider ist sie 1,80 m groß und meine Beine wachsen auch von Almased nicht mehr. Aber nett wär es schon, wenn mich mal eine Figur stalken würde. Vor allem die gutaussehenden Herren: Herr Sanders! Herr Schmidt! Bitte, verfolgt mich!

Fällt es dir leicht, über Sex zu schreiben?

Ja. Das macht mir Spaß, wie alles Spannende, das potentiell einen großen Konflikt beinhaltet oder verursacht. Manchmal denke ich allerdings, um wirklich unterhaltsam zu sein, fehlt mir der Wortschatz. Man muss sehr variantenreich formulieren, was leichter geht, wenn sich die Sexszene in den Dienst der Handlung stellt als wenn der Text im Dienst der Sexszene steht. In dem Sinne versuche ich immer, eine handlungsrelevante Information in den Sex zu verpacken. Also wie im richtigen Leben :-).

Hast du das Schreiben irgendwo ‚gelernt‘?

Bei Claudia Johanna Bauers Writer’s Coaching. Weh getan hat es schon auch manchmal, aber Schreiben ist eben größtenteils Arbeit. Und ich kann wirklich gut mit Kritik umgehen. Und mit einer Axt (wie ich mir neulich sagen lassen musste).

Hast du ein absolutes, schon total zerfleddertes, Lieblingsbuch?

Ja. Martin Cruz Smith, »Gorki Park«. Ich liebe den melancholischen, sturen, romantischen Ermittler Arkadi Renko. Auch wenn der mir mang der postsowjetischen, neostalinistischen Tristess in letzter Zeit manchmal von Altersmilde still beschienen erscheint. Und den »Herrn der Ringe« liebe ich auch und der ist auch zerfleddert.

Welche Autoren inspirieren dich?

Das wechselt. Mal ist es Tolkien, mal Kinky Friedman, mal Charles Dickens. Jim Butcher ist cool. Raymond Chandler geht immer. Lorrie Moore schreibt, als wäre sie die Leere zwischen den Sternen. Und wo wir gerade dabei sind: Sag mal, Rita Mae Brown, warum schreibst Du jetzt Katzenkrimis, hm? Was soll das? Wo ist die einer Fortsetzung von »Bingo«, und damit meine ich kein versch … Prequel???

Hörst du beim Schreiben Musik? Welche?

Da ich meistens am Küchentisch schreibe, umgeben vom tosenden Leben, im Hintergrund läuft der Fernseher, hat die Musik keine Chance. Am häufigsten höre ich die »Tatort«-Melodie (das liebt die Familie). Ansonsten stehe ich sehr auf den frühen Springsteen und Mark Knopfler, den großen Tröster. Und, und. Joan Baez, wenn ich so eher episch drauf bin.

Gibt es etwas, dass du gerne schreiben würdest, dich aber nicht traust?

Der Rechercheaufwand schreckt mich bei vielen Themen ab, die ich eigentlich toll finde: Datensicherheit, Politik, Polizei … Viele Sachen, eigentlich. Ich wäre verdammt gerne Rechtsanwalt. Das wär so mein Traumberuf. Dann könnte ich wenigstens über EIN spannendes Thema kompetent schreiben. So schwimme ich eigentlich immer und versuche, mir zumindest ein bisschen Fachsprache aus dem jeweiligen Gebiet anzueignen, mit der ich dann darüber hinwegtäuschen kann, dass ich zum Beispiel noch nie auf einer Bohrinsel war. Da bin ich ganz Karl May.

Welchen Tipp möchtest du angehenden Autoren geben?

Leider nicht von mir, aber trotzdem gut: »1. Read, 2. Write, 3. Don’t Stop.« Diana Gabaldon

Wenn eine gute Fee vorbeikäme und dir drei Wünsche freigäbe in Bezug auf dein Schreiben…?

Erstens, ich wünsche mir eine Sekretärin, die für mich plotet.
Zweitens, ich wünsche mir einen Verlag, der die PR für mich organisiert.
Drittens, immer, wenn ich mein Notizbuch aufschlage, soll eine gute Fee herausspringen, die mir drei Wünsche gewährt.

Dann also viertens, Recherche muss sein, und ich plane eine grosse Australien-Neuseeland-Ozeanien-Trilogie.
Und fünftens, ich kenne ein kleines verschwiegenes Hotel, in dem ich gerne mal mit meiner männlichen Hauptfigur, einem gewissen Herrn Martin Sanders … well. Ops. Waren ja auch nur drei Wünsche.

Leider bin ich so neu in der virtuellen Welt, dass ich keinen anderen Blogger nominieren kann – puh. Jetzt ist es raus. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem!

Das Schicksalspaket ist da

IMG_20150208_091029~2~2Das Paket ist da. Ich wußte ja, dass es kommen würde. War klar. Seit ich in den sozialen Medien bin, weiß ich auch, was ich jetzt zu twittern hätte: HURRA! Geschafft! Jetzt werde ich Millionär/Bestsellerautorin/Krimidomse! Jetzt kann die Welt nicht mehr an mir vorbei! – Oh je. Offenbar bin ich anders, denn statt Euphorie befiel mich Panik, als das Paket nun wirklich kam. Es wanderte erstmal in die Ecke. Da stand es und strahlte mich an, als wäre Plutonium drin. So, und heute scheint die Sonne und ich hab mich lange genug an das Jetzt-öffne-ich-die-Büchse-der -Pandora-Paket gewöhnt. Also mach‘ ich es auf. Riecht nach Papier. Ich nehme eines der Bücher in die Hand – schon wieder Panik, weil: Wenn ich jetzt noch einen Schreibfehler finde, ist es halt einfach mal zu spät! – der Prolog, ganz gut, Gott sei Dank, und dann na ja, geht auch, der Spannungsbogen steht, und bis Seite 9 noch kein Rechtschreibfehler … Geschafft. Ich hab’s geschafft! Ich habe ein BUCH GESCHRIEBEN! Was zur Hölle habe ich mir bloß dabei gedacht??? Irgendwas zwischen „Mal seh’n“ und „Finaler Rettungsschuß“, glaub ich. Zum Kneifen ist es jetzt zu spät. Also vorwärts immer, rückwärts nimmer.

P.S.: Sabine Neubert. Ich vermiss dich. Du hättest keine Angst gehabt, oder?

Manchmal muss es einfach Mord sein

IMG_20150116_203503Es gibt doch so viele nette Themen wie die Tulpenblüte in Holland und auch so viele nette Alltagshelden wie zum Beispiel den Hustinettenbär – warum also über Mord schreiben? Krisen sind Chancen. Weiß man ja. Der Tod ist auch eine. Für die, die ihn überleben: die Ermittler, die Angehörigen, die sonstigen Kulissenschieber. Die können sich gruseln, wandeln oder läutern. Jedenfalls sollte der Leser denken: Oh je, das hätte mir auch passieren können. Und dann kämpft das Gute gegen das Böse. Das Böse scheint zu obsiegen, weil es sich nicht an die Regeln halten muss. Aber dann, nach 300 oder so Seiten, stellt die gottgleiche Autorin die Ordnung der Dinge wieder her. Puh, Erleichterung allerseits. Der Krimi hat Tröstungspotenzial, sagt die Literaturwissenschaft. Somit ist Krimis Lesen ein reinigendes Feel-Good-Ritual, wie Duschen oder Autowaschen. Dabei gelten feste Regeln: Der Leser möchte keine Überraschungen erleben. Sondern unterhalten werden. Komplexe Plots, ein offenes Ende, der Mörder entkommt – vergiss es. Der Innovationsdruck lastet auf den Schauplätzen (gerne die Eifel oder ein geschlossener Schauplatz wie eine Insel, ein Schiff, West-Berlin) und den Ermittlern. Kommissar Zufall, Ermittler mit Waschzwang, sogar alte Frauen oder Kindergartengruppen ermitteln so zäh wie erfolgreich im Namen der Gerechtigkeit. Persönlich sehe ich lieber dem unbestechlichen Privatdetektiv auf der gemeinen Straße zu: “Down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid. He is the hero; he is everything. He must be a complete man and a common man and yet an unusual man. He must be, to use a rather weathered phrase, a man of honor—by instinct, by inevitability, without thought of it, and certainly without saying it. He must be the best man in his world and a good enough man for any world.“ – Raymond Chandler

Der beste Mann der Welt, darunter machen wir Krimischreiber es nicht. Und noch was: Vom Krimischreiben soll man am Ende des Tages leben können. Verbrechen zahlt sich aus. Hoffentlich. Mittelfristig. Und wenn nicht, dann fühlt man sich zumindest getröstet.

„Hast Du Angst? Zu Recht …

PV_MachtfrageDie Revolution wird nicht unblutig untergehen!“

Wer beim Blick in das Frühjahrsprogramm vom Gmeiner-Verlag keine Angst hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Am meisten Angst habe wahrscheinlich ich! Premiere! Irghs! Künftige Leser sind jetzt keine Probeleser mehr … sondern: Leser! Keine Chance zur Nachbesserung.

Aber natürlich gilt: quod scripsi, scripsi (Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben), sagt schon in der Bibel ausgerechnet Pontius Pilatus. Rückmeldungen und Kommentare sind natürlich trotzdem das Grösste für jeden Autor. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! 😉

Erster Lesungstermin 2015!

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Das Getränk ist natürlich nur Dekoration …

aber es ist immer ein lustiger Abend (im letzten Jahr sogar mit Theatereinlage):

Die Schreibwerkschau 2015 – Autorenlesung mit Musik

Das Thema der Lesung 2015: Tabu! Etwa 20 Schriftsteller haben Texte hierzu verfasst, lesen abwechselnd und freuen sich auf Reaktionen des Publikums.

In den Pausen zwischen den kurzen Lesungen gibt es Musik, und in der „großen Pause“ auch Getränke und Snacks sowie Gesprächsmöglichkeiten mit den Autoren.

Wann und wo:

Donnerstag, 19.03.2015
19.30 – 21.30 Uhr
in der Humboldt-Bibliothek, Berlin Reinickendorf
Karolinenstr. 19
13507 Berlin
Eintritt 3,00 €

Arbeitsstipendium für Krimiautorinnen!

Mörderischen Schwestern

Das habe ich gerade bei den Mörderischen Schwestern entdeckt:

Die Mörderischen Schwestern e.V. schreiben 2014 zum ersten Mal ein Arbeitsstipendium aus. Gefördert wird die Arbeit an einem Kriminalroman oder einer Sammlung eigener Kurzgeschichten.

„Es ist ein Unding, dass nach wie vor die von Frauen verfasste Literatur einen geringeren Stellenwert besitzt als die ihrer männlichen Kollegen“, erläutert Sabine Klewe, die neu gewählte Präsidentin der Mörderischen Schwestern. „Dies zeigt sich an Werbebudgets, der Höhe von Vorschüssen und der geringeren Präsenz im Feuilleton. Dass diese Ungleichbehandlung zumeist auf Vorurteilen beruht, erkennt man daran, dass selbst die Literatur-Nobelpreisträgerin Alice Munroe nicht vor dem abwertenden Begriff ’schreibende Hausfrau‘ gefeit ist.“ Dem wollen die Mörderischen Schwestern entgegenwirken, indem sie mithilfe des neu geschaffenen Stipendiums die Chancen für gute Literatur von Frauen (auch im Krimi) verbessern.

Die Bewerbungsfrist beginnt am 15. Januar und endet am 15. März. Die Förderung läuft über die Monate September, Oktober und November und beträgt insgesamt 1500 Euro. Das Stipendium wird dem Vereinszweck folgend ausschließlich an Frauen vergeben.

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