Figurenentwicklung mit Herz

»Die Praxis der Liebe ist ein gemeinsamer Marathonlauf auf einem Drahtseil.«

– Tobias Hürter, Philosoph

Wenn ein Systemsprenger einen weißen Ritter liebt

oder: Der Autor als Flugsimulator

Man kann jemanden lieben, den es gar nicht gibt. Vielleicht ist Ihnen das sogar schon einmal passiert. War es Harry Potters Brille, die Ihnen das Herz brach? Oder die Teeparty von Alice aus dem Wunderland? Oder haben Sie mit Dan Browns Professor Robert Langdon mitgefiebert? – Na also. Falls nicht, müssen Sie es mir einfach glauben. Bei mir war es übrigens Raymond Chandlers Philip Marlowe.

Die Liebe des Lesers oder auch des Autors zu literarischen Figuren ist eine Art Magie. Es funktioniert, weil wir uns diese Figuren vorstellen können. Unser Gehirn ergänzt aufgrund von Erfahrungswerten das, was wir nicht wissen. Autoren haben noch dazu die Möglichkeit, selbst zum »Schöpfer« zu werden. Bei Dan Brown unterstellt man sogar, er habe sich selbst als literarische Figur neu erschaffen. Die Figur „Robert Langdon“ sei sein fiktives Alter Ego oder „der Mann, der er wünscht sein zu können“ („the man he wishes he could be“). Es gibt Anzeichen dafür, beispielsweise haben Brown und seine Hauptfigur am selben Tag Geburtstag.

Würde Robert Langdon einen zweiten Blick übrig haben für die Hauptfigur meiner Berlin-Krimis, die Escortdame Liberty Vale? – Ich denke schon.

Denn wenn Liberty Vale den Raum betritt, kann man es fühlen. Sie ist groß und blond und laut. Aber sie ist mehr als das. Sie ist eine »Systemsprengerin«, d.h. sie passt in kein System. Sie transzendiert Gesellschaftsschichten, Berufe, Tabus und sogar die Schwerkraft. Sie setzt ihre eigenen Grenzen mit einer Leichtigkeit, die ihr zur Ehre gereicht. Wie jeder gute Agent Provocateur wandelt sie gerne an Abgründen, auf Schwellen und an Schmerzgrenzen.

Ihr angenehmes Äußeres wird durch einen nüchternen gesunden Menschenverstand ergänzt. Sie sagt, was ich schon immer mal gerne sagen wollte. Sie ist direkt, aber nicht unanständig. Sie ist meinungsstark. Sie kann all ihre Grenzüberschreitungen begründen.

Die gute Nachricht: Wenn Liberty auftritt und der Welt Bescheid sagt, kann ich mich entspannt zurücklehnen, ruhig sein und staunen.

Die schlechte Nachricht: Liberty Vale existiert überhaupt nicht.

Ich habe sie mir nur ausgedacht.

Insofern bin ich nicht Liberty Vale, aber Liberty Vale ist ich.

Das ist nicht halb so verwirrend, wie es sich anhört. Ich glaube, jeder Mensch orientiert sich an einem Rollenbild. Manch einer will vielleicht eine gute Hausfrau sein, gerade als Mann, oder eine Feuerwehrfrau oder ein gemäßigt sozialdemokratischer Koalabär oder gar Bundeskanzler (ja, das geht auch für Männer), oder man will einfach werden wie Mama.

Menschen entwickeln sich selbst auf ein Rollenbild oder Vorbild hin. Nichts anderes ist Figurenentwicklung für Hauptfiguren, nur dass man es nicht unbedingt leben muss.

Man kann sein literarisches Ich natürlich aus agieren (siehe Papa Hemingway – oder war das Recherche?). Man kann seinen Figurenentwurf aber auch in einem Notizbuch festhalten, das Buch zuklappen und mit seinem eigenen Leben weitermachen. Sehr entspannend und deshalb vor allem dann als therapeutisches Hobby empfohlen, wenn Sie nicht gemäßigt sozialdemokratischer Koalabär, sondern psychopathischer Massenmörder werden möchten.

Aber zurück zur Liebe.

Menschen interessieren sich in erster Linie für andere Menschen. Warum? Weil uns die Evolution mit Empathie ausgestattet hat.

Liberty Vale, meine »Systemsprengerin«, ist keine komische Nebenfigur. Eine komische Nebenfigur braucht keinen Realitätsbezug. Man kann kreativ frei drehen. Aber Liberty braucht eine Erdung, damit die Geschichten, die ich über sie erzählen will, nicht als humoreske Anekdoten verpuffen.

Wir brauchen ein Genre, das ihre Abenteuer rechtfertigt.

Wir brauchen zu Libertys Yang ein Yin, um eine komplette, ineinander verschlungene Welt fiktiv zu simulieren. Yang bedeutet im Chinesischen »sonnige Anhöhe«. Yin bedeutet »schattiger, schattiger Ort«.

Wenn man den dunklen, eleganten Martin Sanders nur vom Weitem sieht, bekommt man schon ein schlechtes Gewissen. Er hat seinen eigenen Satz Regeln, wie jeder gute Privatdetektiv. Er ist konsequent und anständig. Er ist der personifizierte Hoffnungsschimmer, wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht – ein »nobel moral enforcer« (Raymond Chandler), ein weißer Ritter. Dass ihn dies einsam macht, damit hat er sich abgefunden. Er hat im Leben vergeblich versucht, Kompromisse zu machen. Das hat weh getan. Kompromisse macht Sanders nicht mehr. In dieser Resignation liegt jede Menge Romantik. Und Ruhe. Ruhe, die eine Systemsprengerin fasziniert.

Ich bin nicht Martin Sanders, aber Martin Sanders ist ich.

So viel zur Konstruktion.

Und jetzt zurück zur Liebe.

Die Liebe – literarisch oder real – hat es heutezutage nicht leicht. Sie nervt ein bisschen. In Zeiten allgemeiner Desillusionierung ist sie kaum noch zu unterscheiden von Besessenheit, Sex, Freundschaft (ggf. mit Extras), Gewalt, Party. Es ist nicht mehr klar, was von der Liebe zu erwarten ist. Der Trend geht zur Unverbindlichkeit. Die Kurzfristbeziehung erscheint den meisten noch am ehesten realistisch, weil erreichbar. Man kennt das aus dem Projektmanagement: Milestone Kinder erreicht, der Nächste, bitte.

Warum sollte es auch anders sein? Die Menschen können doch problemlos alleine klarkommen. Alleine hat man weniger Ärger und mehr Zeit für seine wirklichen Interessen. Was man trotzdem hat, ist das Gefühl, dass etwas fehlt. Man nennt es Sehnsucht. Schon 416 vor Christus schrieb Platon in seinem Dialog »Das Gastmahl«, Sehnsucht sei die Suche nach unserer anderen Hälfte, der verlorenen Vollständigkeit. Zum Schluss des Dialogs liegen alle besoffen unterm Tisch. Wir sind also gewarnt. Wir wissen seit langem Bescheid.

Und manchmal funktionieren langjährig beständige Beziehungen. Im echten Leben und in der Literatur. Das ist ein Grund, warum mich die »Outlander«-Romane von Diana Gabaldon faszinieren. Hier geht es nicht um »Romance«, also um die Geschichte einer Brautwerbung. Es geht darum, wie es ist, eine lange Beziehung erfolgreich zu führen. Ohne, dass Alltagstrott und Routine unerträglich überwiegen. Nicht selten werden die Romane von Diana Gabaldon von Männern gelesen und – so sagt sie – als Lebenshilferatgeber in ihren Beziehungen benutzt.

Was ist es also, das Liebe im Leben wie im Buch so unwiderstehlich macht?

Auf physiologischer Ebene führt Liebe zu einem Ausstoß des Belohnungshormons Dopamin und einem höheren Aktivierungsgrad des Gehirns. Das Gehirn verändert sich. Das Leben erscheint einem sinnvoll, klar und voller Geborgenheit. Aus zwei Ichs wird ein Wir, und das ist ein neuer Ort, der schon wieder viel mit Fiktion zutun hat. Ein höchst subjektiver Ort, den es nur in der Innenperspektive gibt.

Ist es also tatsächlich so dramatisch? In einer Zeit, in der Personalisierung das neue Schwarz ist, haben wir da wirklich nur die Wahl zwischen wahrer Liebe und eigener Identität? Muss man da etwas aufgeben?

Kurz gesagt: ja. Man muss aufhören zu zweifeln. Es braucht einen Entschluss.

Wenn der Parship-Algorhythmus einem einen Vorschlag macht, gilt es, sich zu entschließen und hartnäckig an der Beziehung festzuhalten. Sturheit lohnt sich. Vergessen Sie unentschlossene Liebe, das ist bloß Verliebtheit.

Liebe lässt sich mit einfachen Mitteln gezielt erzeugen oder begünstigen, anders gesagt: konstruieren. Der amerikanische Psychologe Arthur Aron hat hierzu erfolgreiche Experimente gemacht (http://www.36-fragen.com/). Wenn Menschen sich erst kennen, brauchen sie keinen Grund mehr, um sich zu verlieben – die Liebe entwickelt eigendynamisch ihre eigenen Gründe. Man kann sich quasi damit anstecken.

– Und dann? Dem Rat des über 60 Jahre verheirateten Prinz Philip, Prinzgemahl der britischen Königin, folgen: »Ständig Kompromisse machen.«

Liebe ist also Arbeit. Genauso, wie man die Konstruktion eines Romans planen kann, kann man auch die eigene Lebensgeschichte planen. Das menschliche Gehirn funktioniert wie ein Flugsimulator: Visualisierung als mächtiges Erschaffungswerkzeug.

Und wenn aus Fiktion Liebe wird oder aus Liebe Fiktion, dann entsteht etwas Neues. Ein innerer, emotional authentisch Ort. Man will das nicht erklären. Aber jeder profitiert auf seine individuelle Weise. Lesen und Liebe, beides verlängert das Leben.

Meine beiden Hauptfiguren Liberty Vale und Martin Sanders lassen die Turmstraße in Berlin-Moabit in einem Licht erscheinen, in dem dieser Problemkiez normalerweise nicht gesehen wird. Für beide Figuren ist das ihre Heimat, ein Ort, an dem sie sich nicht erklären müssen. Natürlich liegt dieser Ort nicht nur in den Herzen zweier fiktiver Charaktere, sondern auch noch zwischen zwei Buchdeckeln, sozusagen eine doppelte Fiktionsebene von uns entfernt. Trotzdem kann der Leser die Innenperspektive einnehmen und diesen neuen Ort, der nur durch die Liebe zwischen Sanders und Libby entstanden ist, emotional erreichen.

Wenn das nicht jedes System sprengt.

Ach so, und wenn ihr jetzt neugierig geworden seid, dann könnt ihr gewinnen. Und zwar eine E-Book Ausgabe der Ladies Night. Das ist eine Short Story Sammlung, in der Sanders und Libby euch u.a. beibringen werden, wie man am besten Erdbeeren isst …

Gewinnspiel Ladies Night

Veranstalter: Bettina Kerwien und Carola Wolff

Teilnahme: einfach diesen Blogbeitrag kommentieren

Ablauf: aus allen Kommentaren werden pro Blog jeweils fünf Gewinner aus dem Lostopf gezogen (es gibt insgesamt 10 Ebooks zu gewinnen = 5 pro Blog)

Dauer: Kommentieren könnt ihr ab sofort (14.2.2018) bis zum 16.2.2018 (endet um Mitternacht)

Achtung: bitte nicht doppelt kommentieren/in den Lostopf hüpfen, sondern nur auf einem Blog

Gewinnerbekanntgabe: Unter allen Kommentatoren werden wir am 17.2. im Laufe des Vormittages jeweils auf unserem Blog die Gewinner mit verbundenen Augen ziehen. Sobald die Gewinner feststehen, benachrichtigen wir sie, bitten um die Mailadresse und sende das E-Book zu. Bitte teilt uns mit, ob ihr Emobi oder Epub haben möchtet. Die Adressen löschen wir anschließend selbstverständlich wieder.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

Viel Glück und happy Valentine!

 

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