#BUCHPASSION: Raymond Chandler und die Socken des Vergessens

Logo-BuchpassionRaymond Thorton Chandlers (* 23. Juli 1888 in Chicago, Illinois; † 26. März 1959 in La Jolla, Kalifornien), Pionier der amerikanischen hardboiled novel

»I am a very spoiled writer who doesn’t believe anymore. I have a beautiful home, a beautiful wife, and a beautiful sales record. But all I want is to get drunk and forget.«

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Er hat ein Messer und er wird es benutzen: Romancier Raymond Chandler

Das Vergessen ist besser als sein Ruf. Man braucht es, um sich von ungeliebten oder bedrohlichen Eindrücken zu befreien. Um Platz zu schaffen für die Gegenwart. Trotzdem hat das Vergessen keinen leichten Stand. Wir trainieren unser Gedächtnis, aber das Vergessen üben wir nicht. Man kann es, oder man kann es nicht. Oft sind es gerade die unvergesslichen Momente, die wir besonders gerne festhalten, im Foto, zum Beispiel – weil wir befürchten, das Unvergessliche zu vergessen. Das geschieht auch. Man erinnert sich nicht mehr an die Situation, man erinnert sich an das Foto. Aber was, wenn man nicht vergessen kann? Raymond Thorton Chandler konnte Vieles. Vergessen konnte er nicht.

Ich war noch niemals in Los Angeles. Aber ich erinnere mich an einen Morgen Mitte Oktober, einen Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge. Ich erinnere mich, weil Raymond Chandler das so will. Es ist der Tag, an dem seine Hauptfigur Privatdetektiv Philip Marlow um elf Uhr morgens das Haus der Familie Sternwood betritt – der stilbildende Anfang von Chandlers erstem Marlowe-Roman »Der große Schlaf«. Wer sich daran nicht erinnert, erinnert sich an die Verfilmung mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Chandler fand, Bogart sei als Marlowe-Darsteller »genau richtig«. Er hatte diesen Humor.

Zugegeben: Ich neige ein wenig zum Absurden. Und ich bin der Überzeugung, dass es letztlich der Humor ist, der entscheidet. Raymond Chandlers Texte schenken mir ein Lächeln. Die Sorte Lächeln, das man in der Hosentasche fühlen kann. Wie der Altmeister sagen würde. Das macht ihn zu meinem offiziellen Lieblingsautor. Jetzt. Als ich den »Großen Schlaf« Anfang der 90er zum ersten Mal las, war ich zu jung für den Text. »Ekelhaft!«, notierte ich am Rand neben einer Kussszene. Ich war noch nicht hartgesotten genug. Ich hatte noch nicht genug vergessen, um Chandler zu verstehen.

Raymond Chandler gilt als Pionier der amerikanischen hardboiled novel. Aber im Herzen ist er immer ein viktorianischer Intellektueller geblieben. In Chandlers Geburtsjahr 1888 ermordet Jack the Ripper in London sein erstes Opfer. 1892, Chandler ist vier Jahre alt, erscheinen Arthur Conan Doyles The Adventures of Sherlock Holmes.

Bereits 1895 lassen sich Raymond Chandlers Eltern scheiden. Die Mutter geht mit dem kleinen Ray nach London. Dort besucht er das Dulwich College, eine britische Privatschule. In der Bibliothek des Colleges hängt ein Gemälde von Sir Galahad. Den moralischen Codex dieses mystischen Ritters wird Chandler später seinem literarischen Alter Ego mitgeben, dem hartgesottenen Privatdetektiv Philip Marlowe.

Auf seine Schulbildung ist Chandler zeitlebens stolz. Die Formulierung »I was raised on Latin and Greek« findet sich mehrfach in seinen Briefen.

In der sehr gut lesbaren Chandler-Biographie von Frank MacShane entdeckt man Fotos des Autors als dickes Baby. Er mopst sich im Matrosenanzug auf einer Plüschrekamiere. Seine Mutter ist eine fragile Dame mit gelegten Wasserwellen, Spitzenkleid und Perlohringen.

1912 kehrt Chandler in die Vereinigten Staaten zurück. Er landet in Kalifornien, wo er auf einer Aprikosenplantage und in einer Firma für Sportartikel Arbeit findet. Chandler bespannt Tennisschläger, 54 Stunden die Woche für 12,50 Dollar.

»In Kalifornien traf ich mit schicker Garderobe ein, einem Public-School-Akzent, keinerlei praktischer Begabung für den Erwerb des Lebensunterhaltes und einer soliden Verachtung für den Erwerb des Lebensunterhaltes und einer soliden Verachtung für die Einheimischen, die sich, wie ich mit Bedauern sagen muss, in einigem Maß bis auf diesen Tag gehalten hat«, schreibt Chandler 1950 an seinen englischen Verleger Hamish Hamilton.

Im folgenden Jahr absolviert er innerhalb von sechs Wochen einen auf drei Jahre angelegten Kurs für Buchführung. In der Molkerei Los Angeles Creamery wendet er die frisch erworbenen Kenntnisse als Buchhalter an.

Im Jahr 1917 meldet Chandler sich als Freiwilliger in der kanadischen Armee bei den Canadian Gordon Highlanders, um im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente zu kämpfen. Seine Fliegerausbildung bei der R.A.F. ist noch nicht abgeschlossen, als der Waffenstillstand kommt.

Auf seinen Nachkriegsfotos ist Raymond Chandler ein anderer. Die Leichtigkeit ist weg. Er glaubt nicht mehr. Etwas anderes, unsteteres als das Sonnenlicht lässt seine Augen leuchten. »Old men with faces like lost battles«, soll er später selbst schreiben. Raymond Chandler ist bei Kriegsende gerade 30 Jahre alt. Er spricht nie über den Krieg. 1957 schreibt er: »Once you have led a platoon into direct maschine gun fire, nothing is ever the same.«

Die Buchhaltungskenntnisse legten den Grundstein für eine erstaunliche Karriere in der Ölindustrie ab 1919, obwohl Chandler das Geschäftsleben erklärtermaßen fatal war. Er lebt mit seiner Mutter zusammen, die 1923 an Krebs stirbt.

1924 heiratet Raymond Chandler Pearl Eugenie Hurlburt, genannt Cissy. Er hat sie bei Friday-Night-Soirees in einem Bekanntenkreis kennengelernt, der sich The Optimists nennt. Nichts könnte Chandler schlechter beschreiben.

Als er sie kennenlernt, ist Cissy verheiratet mit Julian Pascal, einem Pianisten und Komponisten. Die opulente Rothaarige langweilt sich in ihrer zweiten Ehe. Cissy ist 18 Jahre älter als Chandler, ein ehemaliges Aktmodell und It-Girl der Künstlerszene. Chandler hat das Gefühl, er würde sie aus ihrer Ehe erretten.

Cissy ist eine klassische Schönheit mit einer energischen Nase. Sie fühlt sich so wohl in ihrem Körper, dass sie sogar die Hausarbeit nackt erledigt. Ihre wilden Jahre hat sie in Harlem verbracht, Opium geraucht und als Künstlermodel posiert. Sie nennt Chandler »Raymio«. Es ist die große Liebe. Chandler schreibt: »Anything I did was just the fire for her to warm her hands at.«

1932 hat Raymond Chandler es bis zum Direktor von sechs unabhängigen Ölgesellschaften gebracht. Aber er ist rastlos und hegt eine fatale Liebe für Alkohol und Sekretärinnen. Chandler vernachlässigt seine Arbeit und wird schließlich entlassen.

Der arbeitslose Chandler fährt ziellos an der kalifornischen Küste auf und ab. Er liest das »Black Mask«-Magazin, ein Groschenheft mit reißerischen Kriminalgeschichten, und entdeckt seine Liebe zur amerikanischen Umgangssprache.

Chandler belegt einen Fernkurs für literarisches Schreiben. Es ist sein zweiter Anlauf, in England hat er schon einmal mit sehr guten Noten einen Kurs über das Schreiben von Kurzgeschichten abgeschlossen. Nach fünf Monaten verkauft er die 18.000-Wort-Geschichte »Blackmailers Don’t Shoot« für 180 Dollar an Black Mask. »Danach habe ich nie mehr zurückgeschaut, auch wenn mir beim Blick nach vorn noch so manchesmal recht unbehaglich zumute wurde«, schreibt er an seinen Verleger.

1933 lässt Raymond Chandler sich als Schriftsteller ins Telefonbuch von Los Angeles eintragen.

1939 erscheint »Der große Schlaf«, Chandlers endgültiger Durchbruch. In der Folge schreibt er 23 Kurzgeschichten, sieben Romane und das sogenannte Poodle-Springs-Fragment.

Ab 1943 engagiert ihn Hollywood regelmäßig, er ist an acht Drehbüchern beteiligt. Double Indemnity (mit Billy Wilder) und The Blue Dahlia werden für einen Oscar nominiert. Über Hollywood sagt Chandler: »Es war eine mörderische Erfahrung und hat mir wahrscheinlich das Leben verkürzt.«

In seiner Karriere erlebt Chandler eine der schlimmsten Schreibblockaden der Literaturgeschichte. Er hat keine Idee für das Ende des Drehbuchs der Blue Dahlia. Der Mörder, den er vorgesehen hat, wird vom Navy Department nicht zugelassen, weil er ein Soldat sein sollte. Die Filmcrew hat schon fast das gesamte vorhandene Skript gedreht. Hauptdarsteller Alan Ladd soll zur Armee eingezogen werden.

Paramond setzt Chandler unter Druck: Die Zukunft des ganzen Filmstudios hänge an diesem Film, teilt man ihm mit. Chandler ist entsetzt: Nüchtern kann er das Skript nicht vollenden, erklärt er seinem Freund, dem Filmproduzenten John Housemann. Gleichzeitig verspricht er Housemann jedoch: Wenn er zuhause arbeiten und dabei trinken kann, wird er es schaffen. Die letzen Szenen schreibt Chandler im ärztlich überwachten Vollrausch. Die Dreharbeiten sind ihm immer drei Textseiten voraus. »During those last eight days of shooting«, schreibt John Housemann 1965, »Chandler did not draw one sober breath, nor did one speck of solid food pass his lips.«

Chandler riskiert sein Leben für das Drehbuch. Die Produktion wird rechtzeitig fertig. Und die Bezahlung aus Hollywood ist fürstlich.

Die Chandlers könnten es sich erlauben, ein gutes Leben zu führen. Aber sie tun es nicht. Jahrzehntelang ziehen sie von einem bescheidenen, möblierten Haus oder Apartment ins nächste. Insgesamt 37 Adressen sind für Raymond Chandler in Los Angeles und Umgebung zwischen 1913 und 1959 nachgewiesen. Etwa jedes Jahr zieht das Ehepaar um. Nur von 1946 bis zu Cissys Tod 1954 werden die Chandlers für acht Jahre sesshaft. Sie kaufen ein Haus in La Jolla, 6005 Camino de la Costa, direkt am Meer.

»What simple lives they led«, schreibt Judith Freeman in »The Long Embrace«, ihrem großartigen Buch über Raymond Chandler und die Frau, die er liebte. »They woke. Cissy cooked. They ate. He wrote. She cooked again. They had lunch. He wrote some more und then stopped. They shopped. Saw a movie now and then. More cooking. Dinner. Bed.«

Extravaganzen? Kurioses? Bitteschön:

Die Chandlers teilen ihr Leben mit diversen schwarzen Perserkatzen, die alle Taki heißen.

Raymond Chandler hat eine Sammlung von Tierfiguren aus Glas. Jede Figur hat einen Namen.

Nach Cissys Tod verbrennt er alle Briefe seiner Frau. Nur ihre Rezeptsammlung bewahrt er auf.

Seit 1939 planen die Chandlers eine Reise nach England. Als sie 1952 schließlich stattfindet, wird sie zum Desaster. Raymond ist in England ein bekannter Literat, jeder will ihn treffen. Aber das Ehepaar hat die falschen Sachen eingepackt. Für die Fahrt durch den Panamakanal sind sie zu warm, für London zu leger und zu kalt. Raymond hat kein Dinner-Jaket und auch keine warmen Socken. Cissy hat kein Abendkleid. Sie verbringen Tage zu damit, die Bondstreet nach passender Kleidung abzusuchen, ohne fündig zu werden. Nicht einmal die richtigen Socken für Ray finden sie. Cissy wird krank. Sie schlagen wichtige Dinnereinladungen aus.

Nach dem Tod seiner Frau will Chandler sich im Badezimmer erschießen. Er schießt dreimal daneben.

Raymond Chandler ist ein schwieriger Mensch. »Ich gelte als hartgesottener Autor, aber das besagt nichts«, schreibt er an Hamish Hamilton. »Was in meinen Büchern hartgesotten wirkt, ist bloß Produktionsmethode. Persönlich bin ich empfindlich und sogar schüchtern. Hin und wieder kann ich äußerst bissig und steitsüchtig sein; zu anderen Zeiten bin ich sehr sentimental. Ich bin kein guter Gesellschafter, weil ich mich sehr leicht langweile, und der Durchschnitt ist mir nie gut genug, weder bei Menschen noch sonstwo.«

Raymond Chandler wird eine Menge nachgesagt. Er sei zu ehrlich. Er habe seine Mutter nochmal geheiratet, natürlich. Er sei homosexuell. Ein Schwulenhasser. Ein Snob. Kein Snob. Zu großzügig. Zu wehleidig. Alkoholiker. Romantiker. Ein Außenseiter. Ein frustrierter Bastard.

Vielleicht hätte er an die Ostküste gehen sollen.

New York?

Immer eine gute Wahl für Säufer.

Aber seine Frau verbietet ihm zu fliegen. Und sie hasst Schnee.

Nach ihrem Tod verbringt er seine letzten fünf Jahre mit Zusammenbrüchen, betrunkenen Selbstmordversuchen, halbherzigen Affären, drei Heiratsanträgen und zahllosen Gin Gimlets. Wie sagt Marlowe im »Langen Abschied«: »Alcohol is like love. The first kiss is magic, the second is intimate, the third is routine. After that you take the girl’s clothes off.«

Chandlers große Leistung besteht für mich persönlich in drei Dingen.

Erstens ist er ein begnadeter Stilist, der Meister der weiten Metapher. Er glaubt sogar, er hätte sie erfunden. Nun ja. Aber es ist unglaublich, wie genau der Mann beobachtet und wie fein er seine Szenen und Bilder strukturiert. Beispiel aus »Playback«: »Es war keine große Sache. Der Super Chief traf pünktlich ein und die Gesuchte war so leicht auszumachen wie ein Känguruh im Smoking.«

Stil? Die Kürze seiner Sätze hat Chandler von Hemingway gelernt. Er gibt es zu, aber es schmerzt ihn. Er haßte es, anderen etwas zu schulden. Manche seiner Sätze sind sehr kurz, wie zum Trotz. Beispiel: »Er trank.«

Figurenentwicklung: Das Urbild des Detektives als Einsamer Wolf hat vor Raymond Chandler bereits Dashiell Hammett mit seinem Sam Spade entworfen. Aber Hammett zeigt uns seinen Mann nicht aus der Innenperspektive. Chandler, so Judith Freeman, »exposed the man’s wounds, his longings, his endemic, incurable, ever-present loneliness. An existential separation oozed from the writing, like something dark seeping from an unseen place.«

Wie hat er das gemacht? Er hat es einfach gemacht. »It just happens, like red hair«, sagt Chandler. Natürlich ist die Wirkung seiner Prosa zu einem Großteil auf Schreibtechnik zurückzuführen, aber Chandler hat keine Lust, uns hier aufzuklären: »Any writer who cannot teach himself to write cannot be taught by others. Analyze and imitate. No other school is necessary.«

Na gut. Machen wir es eben auf die harte Tour, Chandler. Ärger ist ohnehin mein Geschäft. So oder so.

Und zweitens hat Chandler einem Mädchen so viel über Männer zu sagen. Über Männer im Allgemeinen und über Privatdetektive im Besonderen. Sein Schema? Der weiße Ritter. »A heroic man«, schreibt Judith Freeman, »working alone and with little pay and even less respect agrees to seek justice for an ordinary citizen who has no one else to turn to. The man works for himself, he is a loner with a shabby office – no wife, no kids, no family, no background, usually not even a friend – just a calling, as a kind of white knight seeking justice for the vulnerable and maltreated.«

Und drittens: der Humor.

Die Killerfrage des Publikums an jeden Autor ist: Die Hauptfigur, das sind doch Sie?

Zur Hölle damit. Denn Raymond Chandler, der Mensch, ist kein Stück wie Philip Marlowe, der Detektiv. Chandlers Antwort: »Yes, I am exactly like the characters in my books … I do a great deal of research, especially in the apartments of tall blondes. I am thirty-eight years old and have been for the last twenty years. I do not regard myself as a dead shot, but I am a pretty dangerous man with a wet towel. But all in all I think my favorite weapon is a twenty-dollar bill.«

Zur Hölle mit den Dollarnoten. Zur Hölle mit den Lesern. Zur Hölle mit dem Gin und dem Erinnern. Aber ganz besonders zur Hölle mit Ernest Hemingway.

1932. Chandler schreibt im Rahmen des Fernkurses literarisches Schreiben eine kurze Parodie auf die Schreibe von Ernest Hemingway. Sie trägt den Titel »Bier in der Mütze des Oberfeldwebels oder Die Sonne niest auch«. In diesem Text sinniert ein Mann namens Hank beim Zähneputzen über einen lausigen Kaffee: »Er hatte geschmeckt wie die Socken des Vergessens.«

Okay, Ray. Vermutlich warst du also hochsensibel, traumatisiert und schüchtern.

Aber wo zur Hölle waren deine Socken des Vergessens, als du sie wirklich brauchtest?

– Ich weiß, ich weiß. Du konntest sie nicht finden. Nicht mal in der Bond Street. Denn wenn du sie angezogen hättest, dann hättest du den Rest der Menschheit besser ertragen. Du hättest dich selbst besser ertragen. Du hättest dich verschenken können, du hättest 75 Marlowe-Romane geschrieben, wie Georges Simenon, aber zumindest 26 hättest du schaffen können, wie Donna Leon mit ihrem Brunetti. Auf jeden Fall 24, wie Patricia Cornw … ach, vergiss es.

Vergessen? Tja. Da wußtest du halt nicht, wie das geht. Du mit deiner ständigen Revolte gegen alles und jeden. »Sie kennen ja Chandler«, schreibst du über dich selbst. »Immer hat er etwas zu meckern.«

Und wenn du dich nicht traust, schickst du deinen Heiligen Marlowe vor, deinen »noble moral enforcer«, deinen Galahad.

Du hattest deinen Spaß, wenn es gut lief. »Nicht wahr, ich bin ein regelrechtes Scheusal?«, schriebst du an die Cheflektorin Bernice Baumgarten, nachdem du ihr gerade in zwei Sätzen den Unterschied zwischen show und tell erklärt hast. »Ich bin’s mit Vergnügen.«

Aber wenn es schlecht läuft. Dann weißt du, dass dein einziger Freund eine von dir selbst erschaffene Romanfigur ist. Dass du ein Heimatloser bist, sogar dir selbst ein Fremder ohne Vergangenheit.

Mit den richtigen Socken hättest du es schaffen können. Vielleicht hättest du vergessen, wie sie deine Bücher nennen: Zeitdokumente, Klassiker, Kunstwerke. Du hättest vergessen, dass du auf verlorenem Posten stehst. Dass du der Größte bist. Vielleicht.

Du sagt, du lebst dein Leben am Rande des Nichts. Mit den richtigen Socken hättest du vielleicht sogar von dort nach Hause gefunden. Ich hätte es dir gewünscht, Ray.

Bettina Kerwien

Zum Weiterlesen:

http://www.tagesspiegel.de/politik/geschichte/die-geschichte-the-long-goodbye/1478096.html

Chandler, Raymond: Der große Schlaf

Chandler, Raymond: Die simple Kunst des Mordens

Freeman, Judith: The Long Embrace. Raymond Chandler and the woman he loved

MacShane, Frank (Hrsg.): Raymond Chandler Briefe 1937-1959

MacShane, Frank: Raymond Chandler. Eine Biographie.

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