Premiere für Johnny „Kap“ Arkona

20170309-DSC_9597Bei der diesjährigen Schreibwerkschau habe ich eine neue Hauptfigur ausprobiert: Johnny Arkona. Der Junge ist Boxer, und er ist einer von denen, die nie den ganz großen Durchbruch geschafft haben. Er hat ein paar Jahre lang geglaubt, das könnte tatsächlich passieren – dann ist er nur noch als Verlierer gebucht worden. Aber solange die Welt Gewinner braucht, braucht sie auch Verlierer. Und verlieren ist etwas, dass Johnny wirklich richtig gut kann.

Für mich war erstmal wichtig, dass Johnnys Stimme funktioniert. Ich habe noch nie eine Figur geschrieben, die so weit entfernt ist von mir wie Johnny. Aber das Feedback war ganz positiv.

Insgesamt ist die Schreibwerkschau 2017 (am 09.03.17) in der Humboldt-Bibliothek wieder eine richtig tolle Veranstaltung gewesen. Sie wird immer mehr zur „Scheibwerk-Show“. Wir hatten etwa 80 Zuschauer. Die Autoren verkleiden sich passend zu ihren Stories und lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Diesmal unter anderem dabei: eine schwebende sprechende Frisierhaube, Frau Buttke, Dracula, eine echte Hexe, natürlich Donald T. (mehrfach), Livemusik von Klavier und E-Gitarre, und ein ziemlich angeschlagener Boxer.

Vielen herzlichen Dank an Claudia Johanna Bauer, die das Spektakel erdacht, in jedem Jahr begleitet und damit erst möglich gemacht hat – und das seit vielen Jahren! Wer in diesem Jahr nicht da war, sollte im nächsten Jahr unbedingt kommen.

Hier als keine Kostprobe mein Text, der auch gemeinsam mit den anderen wie in jedem Jahr in einem kleinen Büchlein erscheinen wird:

Letzte Runde

»Wie heißen Sie?«, fragt die Notärztin.

Und wieder überlegt man einen Moment zu lang. Dann sagt man: »Johnny Arkona.« Wie es sich gehört. Man will auch ganz manierlich die Hand geben. Aber das Tape ist blutig.

»Welcher Tag ist heute?«, will die Ärztin wissen.

Das Nachrechnen führt zu nichts. »Kampftag«, sagt man, weil man sich daran noch erinnert.

»Sie brauchen dringend eine Pause, Herr Arkona.«

Herr? Am Ring nennen sie einen einfach Dosentomate, Fallobst oder »Kap«. Aber eine Ärztin, das ist natürlich etwas ganz anderes. Ein Mann sollte in ihrer Gegenwart mehr anhaben als nur seine Trunks und seine Tattoos.

»Wie lange haben Sie schon Sehstörungen?«, fragt sie.

Das Licht der Taschenlampe schmerzt. Alles ist unscharf seit den Undercards in Oberhausen vor zwei Wochen. Aber man hat keine Lust auf Gequatsche, also: »Runde 8. Bin angezählt worden.«

Die Ärztin löst den Stopper an der Krankenliege. »Ich fahre Sie zum MRT«, sagt sie.

Wer eben einen Champ ausgeknockt hat, kann selber laufen. Aber beim Aufstehen rollt der Fußboden weg. Ein Griff ins Leere. Die Wände verschwimmen. Zwei Schritte zum Waschbecken, der Kohlrübeneintopf schießt aus Mund und Nase.

Die Ärztin drückt einen zurück auf die Liege.

Sie haben ja ein riesen Totenkopf-Tattoo auf dem Rücken“, sagt sie.

Ist eine lange Geschichte“, sagt man.

Sie schiebt los. Ihre Haare sind hell. Sie schaut wie eine Mutter. Bestimmt hört sie gerne Geigenmusik.

Die Liege ist zu schmal für die Schultern. Warum ist der Promoter noch nicht da? Ein Gedanke, der die Nase wieder bluten lässt. Der Promoter gibt dem Publikum, was es will: zwei halbnackte Kerle, die sich gegenseitig umbringen. Man selbst wollte dem Publikum auch mal was geben. Was, hat man vergessen.

Die Gänge sind lang und leer. Die Ärztin telefoniert im Gehen.

»Ich habe Sie in der Radiologie angemeldet, Herr Arkona«, sagt sie.

Das MRT ist ein Rohr mit einer Liege in der Mitte.

»Können Sie alleine auf das Gerät rübersteigen?«, fragt die Ärztin.

Man kann einen 90-Kilo-Brocken mit einem Schlag umhauen. Jetzt muss die Frau einen stützen.

Sie sticht einem etwas in den Arm, fixiert den Kopf. Man denkt an Laboraffen. Dann ist man allein.

»Wir spritzen Ihnen jetzt ein Kontrastmittel«, sagt eine Lautsprecherstimme, wie bei einer Hinrichtung.

Der Körper wird heiß.

Das Herz will schlagen.

Es hat zu wenig Platz.

»Einatmen«, befiehlt die Stimme. »Nicht atmen. Weiteratmen.«

Ein Mann ist nicht dafür gemacht, in einem Plastiksarg angeschnallt zu sein. Ein rechter Haken löst das Problem.

»Sie hätten das MRT nicht gleich völlig zerlegen müssen«, sagt die Ärztin. »Ich gebe Ihnen was zur Beruhigung. Wir nehmen Sie stationär auf. Der nächste Schlag an den Kopf bringt Sie um.«

»Schläge an den Kopf«, sagt man, »sind mein Geschäft.«

»Wir brauchen noch Ihre Krankenkarte«, sagt sie.

Das Krankenzimmer ist dunkel und warm. Der Promoter kommt nicht. Man zählt die Falten an der Gardine. Die Augen brennen vom Cutgel. In diesem Bett sind Menschen gestorben, denkt man.

Am Nebenbett hängt ein Bademantel. Auf dem Flur ist nur Nacht und Stille. Man trifft niemanden. Das ist gut. Es gibt Dinge, die sieht einem jeder am Gesicht an. Ob man es will oder nicht.

»Bist du nicht Kap?«, fragt der Taxifahrer. »Kap Arkona?«

»War ich mal«, sagt man.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s