Buchportal zur Hölle

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Die wahre Bedeutung von „Mängelexemplar“? Paß auf:

Ich schreibe hier über ein Taschenbuch von – ? das ist unklar, wir werden sehen – mit dem deutschen Titel „Todesahnung“. Das Cover: Aufschrift „James Patterson – Todesahnung – Thriller – Nr 1 Bestseller – US-Flagge“. Und das Coverbild ist ein Foto: eine amerikanisch anmutende Stadt bei Nacht, im Vordergrund Palmen, im Hintergrund Hochhäuser.

Dreht man das Buch aber um, stellt man fest: Es spielt in New York. Gibt’s da Palmen? Nur im Palmengarten des World Financial Centers, aber na gut. Leser sind ja nette, kompromissbereite Menschen. Also Schwamm drüber.

Schlagen wir das Buch auf. Wir bekommen auf der Innenseite des Umschlags erzählt, dass James Patterson „einer der besten Thrillerautoren der Welt“ (USA Today) sei. „In den letzten Jahren standen 19 seiner Bücher in Folge auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste. Seine Romane wurden in 27 Sprachen übersetzt und erreichten weltweit eine Gesamtauflage von über 150 Millionen Exemplaren.“

Wow. Hut ab. Problem: Mr. P. hat das Buch gar nicht alleine geschrieben. Wir lesen auf Seite 2: „James P. mit Howard Roughan: Todesahnung“

Na gut. Also war das wohl ein sehr schwieriges Buch, dass Mr. P es nicht alleine geschafft hätte, und da hat er halt einen Freund zur Hilfe geholt. Das kann ihm der nette Leser nachsehen.

Also legen wir los mit Lesen. Echt sehr spannend. Eine junge Fotografin, die ein Verhältnis mit ihrem Chef hat, gerät in eine Crime Scene nach einer Schießerei vor einem Hotel. Sie fotografiert vier Leichensäcke. An einem öffnet sich der Reißverschluß und eine blutige Hand erscheint. – Diese erste Szene ist drei Seiten lang, es ist die längste Szene im ganzen Buch. Im weiteren Textverlauf sieht und fotografiert die Fotografin tote Menschen und dreht zunehmend durch.

Der Text wird dargeboten in 14 „Teilen“ und 111 Szenen auf 348 Seiten.

Das geht wie folgt: Eine Szene ist 1 1/2 Seiten lang und endet mit einem „falschen Cliffhanger“. Hatte ich auch vorher nie gesehen. Die Szene endet mit einem Cliffhanger, man macht zur Auflockerung der Finger ein bisschen Blättergymnastik und blättert um zur nächsten Szene, die eine Seite danach mit einer großen (sehr großen) grauen fortlaufenden Zahl beginnt. Und in der neuen Szene geht der Text dann aber nahtlos und in derselben Perspektive und demselben Erzählzusammenhang weiter, d. h. es wird stringent erzählt und der vermeindliche Cliffhanger sofort wieder aufgelöst. Die Unterteilung in vermeindliche Erzählabschnitte ist nichts als ein grafischer Trick, der uns zum Umblättern bringen soll. Bäh. Fingersport. Billig, aber es funktioniert. Zum Schluß bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, wie die Autoren das mit den toten Menschen in Manhattan auflösen (und das mit den Palmen). So. Und? Was passiert?

Seite 339: Die Schießerei im Hotel vom Buchanfang wird „live“ präsentiert, die Fotografin wird an- oder erschossen (zunächst denke ich er-, dann ist es doch an-?). Ein toter Polizist erscheint und eröffnet ihr: Sie war ein sehr sehr sehr böses Mädchen. Finger weg vom Chef. Und das Hotel ist übrigens ein Portal zur Hölle.

Da passiert es: Meine Nette-Leser-Flexibilitätsgrenze ist überstrapaziert. Sprechen wir nicht über Formulierungen wie „Ich habe solche Angst“. Sprechen wir darüber, dass die Heldin kurz vor Schluß denkt: „Jetzt ist mir alles klar.“ Mir nämlich auch, und zwar, dass ich es mit Erweckungsprosa der übelsten Sorte zutun habe. Denn die an- oder erschossene Fotografin blutet seitenlang das ganze Hotel voll und bereut. Was? Dass sie anderen Menschen „wehgetan“ hat. So. Und prompt erscheint eine Notärztin wie ein rettender Engel und verkündet: „Die Frau lebt noch!“ -Ende des Textes.

Etikettenschwindel! Ich will meine 10 Euro wiederhaben! Ich will keine biblische Erlösungsgeschichte hören, wenn auf dem Buch Thriller draufsteht! Ehrlich gesagt will ich überhaupt nix Übersinnliches in einem Thriller hören, es sei denn, das wird mir vorher angekündigt. Das ist für mich ein Taschenspielertrick für Autoren, denen keine Auflösung für ihre Story einfällt. Ich fühle mich, als sei ich auf dem Weg durchs Naturkundemuseum falsch abgebogen und in der Show eines schmierigen Amateurzauberers gelandet. Unter Palmen. Wo ich nicht hinwollte. Das ist Betrug am Leser, das Buch „liefert“ nicht, was es verspricht. Also ein klassisches Mängelexemplar von einem Bestseller und bestenfalls Papierverschwendung. Schlimmstenfalls verfestigt sich beim Leser die qualitative Vorstellung, dass so Thriller sein sollten/müssen/immer so sind/so hingenommen werden müssen.  Damit würde man sich mit so einem Buch selbst ins Knie schießen. Denn wer läßt sich schon gerne ver***schen? Nach diesem Literaturgenuß kauft der nette Leser vielleicht keinen James Patterson mehr. Vielleicht gar keinen Thriller. Sondern gleich die Bibel.

– Na? Bereut schon jemand? Dann kommt auch gleich die Notärztin. Versprochen!

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