Ein Mann mit einer Gabel in einer Welt aus Suppe

Amoralisch

Um es gleich vorwegzunehmen: Vergessen Sie die Kritik im Tagesspiegel, bei der zwischen den Zeilen die Skepsis – oder ist es Unsicherheit, Ungläubigkeit? – hindurchsickert.

Warum nicht einfach mal ein rundes, komplettes Buch vorbehaltlos empfehlen, auch wenn der Autor nicht übersetzt und gar kein Amerikaner ist? Na, immerhin lebt Tobias Radloff laut Verlagsangaben in Belfast, da könnten sich die Kritiker doch mal einen Ruck geben und nicht immer so im Konjunktiv bleiben.

Okay, der coolste Spruch ist der mit der Gabel und der Suppe aus der Überschrift und das ist von Noel Gallagher, aber es ist natürlich unwiderstehlich für einen Autor, sowas zu benutzen. Was wäre die Kultur ohne die Inspiration? Und bau das mal so in den Text ein, dass es natürlich wirkt. Dazu braucht es das, was dieses Buch für mich so speziell macht: einen guten Schluck aus der Pulle der angelsächsischen Erzähltradition, eine elegante Plotführung und eine originelle, stimmige Hauptfigur. Da muss die Populärkultur durchschimmern, um die Figur zu verankern. Selbst Disney’s Lustige Taschenbücher als Observationslektüre halte ich für unverzichtbar.

Noir? Der Ton bleibt den ganzen Text hindurch eher Chandler-noir, also eher hell-schwarz oder besser gesagt: von einem Schwarz, das sich in der Rüstung eines Weißen Ritters spiegelt. Voller Selbstironie. Spielt mit den Hoffnungen der Hauptfigur Spinball. Fängt rasant an, steigert sich rasant, hört rasant auf. Der Spannungsbogen steht wie eine Eins, obwohl zwischendurch neben Action auch reichlich Kaffee getrunken wird. Guter Kaffe, böser Kaffee. Wirklich bewunderswert: Es finden sich federleicht und ganz unlangweilig hingetupfte, trotzdem erstaunlich lange Rückblenden. Die kommen spannnend daher und erhöhen die emotionale Tiefe. Und die hat mich wirklich gepackt. Was für ein trauriger und zugleich cooler Typ, dieser Strasser. Zufällig heißt er Philip mit Vornamen. Na, Sie wissen schon.

Wo sind wir? Ist vielleicht Hannover die Spießerstadt? Man weiß es nicht. Aber dieses Irgendwo-in-Deutschland passt. Und das Ende ist dann noir-noir. Es bleibt nur die Hoffnung auf Integrität, wie es sich gehört.

Und sprachlich? Am Anfang dachte ich noch, eine erste Szene ganz ohne Handlung, nur innerer Monolog, das ist ganz schön dicke Hose. Als ob Herbert Grönemeyer sein Konzert a capella beginnt. Aber Tobias Radloff hält den Ton: „“Arschloch“, sagte sie. Ich hätte gerne etwas erwidert. Aber noch lieber hätte ich Luft geholt.“ Und dieses Character-gedrivene (wie sagt man das auf Deutsch?) verfängt. Ich frag mich zwar zwischendurch mehrfach, ob Strasser nicht vielleicht wirklich der schlechte Detektiv mit viel Pech ist, für den er sich in einem Anfall von dramaturgischer Lamoryanz selbst hält (vor allem, als er das WLAN nicht hackt und der Verena die Pille gibt). Vermutlich. Das muss es auch geben. Aber die Sinnsprüche von Strassers Mentor Kaufhausdetektiv Reitmeier sind mir runtergegangen wie ein Gimlet. Überhaupt:

„Sieh das Positive, hätte Reitmeier gesagt. Wenigstens bist du an der frischen Luft. Ich atmete tief ein und schmeckte die Abgase von einer Million Verbrennungsmotoren. Das Autobahnrauschen wurde lauter, und im Gegensatz zu dem, was die Hippies sagten, klang es definitiv nicht nach Strand.“

Großartig, wenn der Showdown an einem Hosenknopf zu scheitern droht.

Unbedingt empfehlenswert, ein riesen Spaß mit einem plastischen Antagonisten, der eine aktuelle Variante des Verrückten Professors gibt und der eigentlich ja nur die Welt retten will – durch Liebe!

Verlagstext:

Tobias Radloff: Amoralisch

Ein abgehalfterter Privatdetektiv. Eine hübsche Tote. Ein Pharmaentwickler, der mit einem neuen Wirkstoff die Liebe demokratisieren will…
Philip Strasser und seine Detektei haben schon bessere Tage gesehen, doch seit ihn ehemalige Kunden im Internet mit Häme überziehen, ist es nicht leicht, an neue Aufträge zu kommen. So bleibt Strasser nichts anderes übrig, als bei der Pharmafirma Protagen anzuheuern, wo er sich dazu hergeben muss, die Angestellten des Unternehmens zu bespitzeln. Als ihn eines Tages Nina Berger, Sekretärin in der Forschungsabteilung von Protagen, bittet, ihr zu helfen, sie werde gestalkt, ahnt Strasser nicht, dass er seine Ablehnung dieses Jobs schon bald bitter bereuen wird. Keine zwei Wochen nach ihrem Gespräch wird Nina Berger ermordet. Und Strasser ahnt, wer hinter ihrem Tod stecken könnte.
Was sich zunächst liest wie eine spannende Detektivstory, entpuppt sich nach und nach als lakonisch erzählter Biotech-Noir-Roman, in dem die Frage, wie man einen Drogendealer zum Reden bringt, ohne ihm wehzutun, genauso thematisiert wird wie die Kluft zwischen Moral und Fortschritt und das Leben nach dem großen Verrat.

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Buchrezensionen (PDF):

Tagesspiegel   |   Offenbach Post   |   Süd-Ost Journal
Buch-Magazin

Buchtipp im coloRadio Dresden (15.12.15):

http://www.divan-verlag.de/buch/amoralisch.html

Tobias Radloff

Tobias Radloff geboren 1977 in Langen bei Frankfurt, ist Schriftsteller, Musiker und passionierter Kaffeetrinker. Nach Schwarzspeicher, dem einzigen Roman über die Post-Snowden-Ära, der schon vor den Snowden-Enthüllungen erschienen ist, legt er mit Amoralisch seinen zweiten Spannungsroman vor.
Tobias Radloff lebt in Belfast

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