Sie war wieder da: die Schreibwerkschau 2016

10. März 2016, Humboldt-Bibliothek, Berlin-Tegel: 21 Autoren lesen je einen Text mit einer Länge von maximal 3.000 Zeichen, dazwischen spielt die Musik, 100 Leute  schauen gebannt zu. Und das seit sieben Jahren in jedem Frühjahr. Klingt verrückt? Ist aber so. Die Teilnehmer der Volkshochschulkurse von Claudia Johanna Bauer arbeiten in jedem Jahr darauf hin, auf diese drei Minuten im Fokus der Aufmerksamkeit des Publikums auf der Bühne der Bibliothek. Zuerst wird über das Thema abgestimmt (in diesem Jahr war es „Begegnungen“), dann werden Texte hin- und hergemailt, es fließt eine Menge Schweiß und Herzblut, manchmal sicherlich auch etwas anderes.  Heraus kommt Literatur. Kleine Perlen, die schimmern und funkeln. Manchmal vielleicht die Saatkörner für Größeres, manchmal stehen die Texte einfach nur für sich.

Es steckt eine Menge Arbeit in der Schreibwerkschau, die wirklich eine tolle Schau ist. Natürlich – die Autoren sind aufgeregt. Sie sind präsent, die Lesungsaccessoires originell. Ich war glücklich mit der atmosphärischen Wirkung des Schwarzweiß-Fotos eines verwunschenen Gartens, das ich als Kulisse an einer alten tragbaren Filmleinwand befestigt hatte.

Besonders die szenischen Lesungen (diesmal: eine Vernehmung der Kripo mit Handschellen und allem Pi-Pa-Po) sind immer spannend, erinnern an kurze Theaterstücke. Es wird auch viel gelacht, zum Beispiel über die Urberlinerin Frau Buttke, die in diesem Jahr mit einem antiautoritär erzogen Kind in der U-Bahn konfrontiert wird. Oder über die schizophrene Warze „Marleen“ – sie ist wieder da. Nach ein paar Takten Guitarrenmusik  frißt dann ein Oger-Weibchen den lästigen Ex der Ringträgerin.

Aber die Schreibwerkschau nimmt sich auch ernst: Da schleudert das Universum schleudert einem jungen Mann einen Barockspiegel vor die Füsse. Leichen werden gefunden. Eine Mutter stirbt. Sogar ein mittelalter, mittelmüder Privatermittler – bekannt aus meinem Krimi „Märzwinter“ – trifft unverhofft seinen Halbbruder (siehe unten).

Wie in jedem Jahr sind die heiteren oder ergreifenden Texte auch diesmal wieder nachzulesen im kleinen Jahresheftchen, das wir nun noch bis April fertigstellen. Wir haben über die Umschlagfarbe abgestimmt: Es wird gelb sein und EUR 4,50 kosten – sprechen Sie bei Interesse einfach die Autoren an.

Die Schreibwerkschau ist ein Veranstaltung, die aufgrund ihres beachtlichen Niveaus eigentlich einen größeren Rahmen und viel mehr Öffentlichkeit verdient hätte. Mehr Unterstützung auch.

Vielen Dank, Claudia Johanna Bauer, für Deine Mühe. Eigentlich unglaublich, was Du im Laufe der Jahre schon an literarischer Starthilfe gegeben hast. Vielleicht sollte man dafür mal einen Preis stiften, den Preis für literarische Starthilfe. Ich verleihe ihn Dir schonmal vorab.

Liebe Volkshochschule Reinickendorf und Humboldt-Bibliothek – danke, dass wir bei Ihnen zu Gast sein durften.

Und hier der Text, den ich gestern gelesen habe:

Der Zwillingsring

Sich scheiden lassen tut weh. Aber auch nach 20 Jahren wieder am Vaterhaus klingeln ist so schön wie im Frühling sterben. Wenn Sanders sich einfach mit Benzin übergießen und anzünden würde, könnte er eine Menge Nerven sparen. Die Kopie seiner Geburtsurkunde fürs Standesamt bräuchte er dann niemals mehr.
Das Haus, in dem der Vater seine neue Familie hält, ist größer als das, in dem er seine alte zerstört hat. Die Villa liegt in einem Park, dem man die Gleichgültigkeit seiner Besitzer ebenso ansieht wie die Gärtner, die sie kaschieren.
Sanders klingelt. Es summt. Ein Dobermann schießt geifernd um die Hausecke. Sanders drückt das Schloss aus der Falle und wartet.
Die Vögel verstummen. Das Eingangsportal der Villa bleibt zu. Es kommt auch keine Polizeimotorradstaffel angeknattert, schwenkt Wunderkerzen und schmettert »Berliner Jungens, die sind richtig«.
Nur ein Zehnjähriger schlendert um die Hausecke. Er pfeift, der Dobermann wird zur Statue.
Der Junge ist so schmal und dunkel und korrekt gekleidet wie Sanders. Er könnte der Vater sein, nicht nur der Halbbruder.
»Bist du Berend?«, fragt er. Das Gartentor schnappt hinter ihm zu wie eine Lebendfalle.
»Bist du Martin?« Der Junge schaut, als hätte er schon alles gesehen. Er hält sich am Dobermann fest.
»Schönes Wetter zum Draußenspielen«, sagt Sanders. »Gibt es den Buddelkasten noch?«
Berend staunt. Mit einer Handbewegung schickt er den Hund voraus. Durch ein Stechpalmenlabyrinth führt er Sanders zu einer Schaukel, die leer im Wind schwingt. Im Sandkasten daneben blüht das Schadgras.
Sanders setzt sich zu dem Jungen auf die steinerne Umrandung. Sie sehen der Schaukel zu. Der Hund schaut von einem zum anderen.
»Wie heißt er?«, fragt Sanders.
»Wotan«, sagt Berend.
Sanders‘ Fingerspitzen finden den lockeren Stein.
»Magst du Hunde?«, fragt der Junge.
»Unser Vater«, sagt Sanders, »hatte früher eine Hundeallergie. Aber natürlich. Man verändert sich.«
»Wotan passt aufs Haus auf.« Berend lächelt. »Manchmal spielen wir. Papa weiß das nicht.«
»Warte mal.« Sanders kniet vor dem Buddelkastenumrandung. Hinter dem losen Stein findet er die verrostete Blechschachtel.
Das Flügelgewebe der toten Libelle ist zu Sternenstaub zerfallen. Zwischen Klappmesser, Polizeiauto, Streichholzheftchen und einer Schachtel Reval ohne Filter liegt ein Ring.
»Hast du etwa heimlich geraucht?«, haucht Berend.
»Ein Mann kann in einem einzigen Leben sehr viele Fehler machen«, sagt Sanders.
Er nimmt den Ring aus der Schachtel. Es ist ein Silberring, an der Seite funkeln Diamanten.
»Ist das ein Sternbild?«, fragt der Junge.
»Gemini«, sagt Sanders. »Vater hat meiner Mutter den Ring zur Geburt von Philip und mir geschenkt.«
»Philip ist tot?« fragt Berend.
Sanders nickt. Er hält ihm den Ring hin. »Hebst du ihn für mich auf?«
Schon während er spricht, weiß er, es ist besser, sich an einem Dobermann festzuhalten als an einem Ring. Berend nimmt ihn trotzdem. Das Leuchten im Gesicht des Kleinen erinnert Sanders an etwas von Tolkien: Die Welt ist im Wandel.

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