Mord in Bestlage

Mein aktuelles Projekt ist ein weiterer Krimi mit meinen Lieblingsfiguren, der Berliner Escort-Lady Liberty Vale und dem Privatdetektiv Martin Sanders. Die Einleitung steht, und jetzt hat es auch einen Titel: „Mord in Bestlage“.

Das Thema deutet sich da schon an, es geht um einen Immobilienhai, der eine Berliner Kleinhaussiedlung entmieten, luxusmodernisieren und an die Oberen Zehntausend verscherbeln will. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, das hat leider eine traurige Aktualität hier in der Hauptstadt. Gerade die vom Gesetzgeber geschaffene Möglichkeit, die Kosten einer energetischen Sanierung auf die Mieter umzulegen, führen vielfach zu Mieterhöhungen in unrealistischen Größenordnungen. Der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ gilt leider überhaupt nicht mehr, selbst bei öffentlichen Eigentümern tritt der Nachhaltigkeitsgedanke in den Hintergrund.

In meinem Text verkauft eine städtische Wohnungsbaugesellschaft eine denkmalgeschützte Kleinhaussiedlung. Danach werden die Bestandsmieter, die ihren Mietvertrag seit 60 Jahren haben, vom neuen privaten Eigentümer mit Mieterhöhungen von 500% konfrontiert. Da bekommt man Mordgelüste? – Genau. Ging mir auch so. Es musste sein: Der Investor muss weg. Bye bye, Immohai …

Hier kommt als kleiner Appetithappen der Prolog, viel Spass damit!
PROLOG

Verflucht

Berlin-Tegel: In den Vorgärten der Kleinhaussiedlung riecht es nach Ofenheizung und schlesischem Apfelkuchen.
Michael Waschke streckt die Hand mit der nächsten Kündigung aus. Seine Hand ist erstaunlich ruhig.
„Ich habe hier eine Zustellung für Sie“, sagt er.
Magda Rausch wischt sich die Hände an der Kittelschürze ab. Sie setzt die Lesebrille auf, öffnet den Umschlag mit ihren dicken roten runzligen Fingern.
Der Himmel über der Siedlung verdunkelt sich. Ein verrotteter Fensterladen knarrt im Wind.
„Heute werde ich Fünfundachtzig“, sagt Magda Rausch mit ihrer Kleinmädchenstimme, während sie die Kündigung auffaltet. „Es gibt Apfelkuchen.“
Es gehört zu Michael Waschkes selbstverständlichen Pflichten, die Geburtstage aller Mieter zu kennen. An Weihnachten überträgt seine Frau die Daten am Küchentisch von einem Apotheken-Kalender in den nächsten.
Magda Rauschs papierene Lider zucken über den Brief. Die alten Augen darunter sind veilchenblau.
»Den Apfelbaum hinterm Haus hat der Otto gepflanzt, als er aus der Gefangenschaft zurückgekommen ist«, sagt sie.
„Bitte unterschreiben Sie hier“, sagt Waschke. Sieht seinen eigenen Opa, wie er plötzlich vor der Tür steht, nach 8 Jahren Sibirien. Die Oma hat es ihm erzählt. Das Zustellprotokoll in der Sache Rausch flattert nervös in seiner Hand.
Magda Rausch zeigt Waschke ihre Goldzähne. »Nichts unterschreibe ich«, sagt sie. „Ich habe den Krieg und die Hitlerei überlebt. Ich habe die Mauer und die Blockade überlebt. Ich habe Otto überlebt. Ich werde auch das hier überleben.“
„Das tut mir wirklich leid.“ Waschkes Stimme ist ihm tief in die Kehle gerutscht. »Die Häuser werden saniert, wissen Sie. Kamin, Swimmingpool, Wintergarten.«
»Deshalb können Sie mich kündigen?«
Waschke kann ihr nicht ins Gesicht sehen. »Nein. Die Gesellschaft kündigt Sie, weil Ihr Garten vollkommen verwildert ist.«
Magda Rausch spuckt vor ihm aus. »Wissen Sie«, sagt sie, »Sie werde ich auch noch überleben.«
Sie schlägt ein Kreuz.
Die Welt dreht sich plötzlich nicht mehr, und Michael Waschke sieht eine veilchenblaue Träne in Extremzeitlupe fallen. In der Träne spiegeln sich die Fassaden der idyllischen Kleinhaussiedlung. Steuern sparen mit Denkmalschutz-Immobilien in Bestlage, hört Waschke seinen Chef siegesgewiss schmettern. Und als die Träne neben den Krokussen auf den Plattenweg klatscht, gerät etwas in Michael Waschke ins Schlingern.
Er sagt noch einmal, dass es ihm leidtut, mehr zu sich selbst und vielleicht auch mehr um ihn selbst, dann geht er, über das Kopfsteinpflaster zwischen den explodierenden Forsythien entlang zu seiner Hausmeisterwohnung. Das Gehen fällt ihm schwer, es ist ihm nie schwergefallen. Michael Waschke schleppt sich entlang der Vorgärten wie ein alter Mann. Er staunt. Wie verwundbar er doch ist.

 

 

 

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