Machtfrage: Die Rückkehr der dämonischen Guerilleros

Habt Ihr wirklich geglaubt, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe? 🙂

Die RAF hat sich 1998 aufgelöst – aber ihre Mitglieder natürlich nicht. Irgendwo sind sie. Was machen sie jetzt, wo ihr Lebensentwurf gescheitert ist? Das ist der Grundgedanke in meinem Buch „Machtfrage“ http://www.amazon.de/gp/product/3839216982?redirect=true&ref_=s9_simh_gw_p14_d0_i1.

Und plötzlich ist das topaktuell:

http://www.welt.de/geschichte/article151189309/Die-dritte-RAF-Generation-schlug-2015-wieder-zu.html

http://www.stern.de/politik/deutschland/raf-terroristen-klette–staub-und-garweg-sind-taeter-des-geldtransporter-ueberfalls-6655534.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rote-armee-fraktion-dna-spuren-von-untergetauchten-raf-mitgliedern-bei-raubueberfall-gefunden-1.2824178

Interesse an mehr? Hier eine Leseprobe. Meine Hauptfigur ist der ehemalige RAF-Terrorist Michael Glass.

berlin-mitte
mittwoch, 26. august 1998, 22:55 uhr

Die Zeit war gekommen, dass der Tod Michael Glass fand. Der Tod hatte Glass’ Herz lange geschliffen, bis der ihn darin aufnahm. Nun glaubte sich Glass eins mit ihm. Jahrzehnte hatte er sich mit der Illegalität beschieden. Die Genossen mundtot gemacht. Ihnen das Schweigegelübde abgenommen. Glass war überall gewesen. So war er auch in der Nacht anwesend gewesen, in der Martin Landauer sie verraten hatte. Er hatte es toleriert. Ein Fehler. Wer einen Verräter tolerierte, produzierte weiteren Verrat. Glass würde den Fehler korrigieren, falls er lange genug lebte. Zuerst musste er die Strategie der internationalen Bourgeoisie entlarven. Es musste sein. Ein Linker, der Gewalt als politisches Mittel ausschloss, zerfiel zu einer lächerlichen Figur – zu einem friedensbewegten Moralapostel, einer lahmen Ente.
Es war dunkel, und der Widerschein des Feuers glänzte auf dem schwarzen Haar des Michael Glass. In einem großen Ölfass schändete ein Holzfeuer ein Bündel Lumpen. Die Flammen warfen zuckende Schatten an die Wand einer verfallenen Halle.
»Und dann bist du nach Berlin?«
Michael Glass warf seine Tasche in die Ecke, zündete sich eine Selbstgedrehte an, inhalierte tief. Sein Begleiter, fast genauso groß und dunkel, jedoch sehr viel massiger, nahm einen Schluck aus der Bierflasche und ließ sich neben dem Ölfass an den schmutzigen Kacheln heruntergleiten.
»Gab keine Arbeit mehr auf der Werft«, sagte der andere.
Glass setzte sich auch. »Geniales Versteck«, lobte er. Der Boden der alten Lagerhalle war mit Plastiktüten und Müll bedeckt. Es stank nach Urin.
Der Dicke nickte begeistert. »Soll alles abgerissen werden. Dann baun se Luxushütten mit Spreeblick.« Sein Kichern hallte durch den leeren Raum.
Glass kam auf sein Eingangsthema zurück. »Was hast du gelernt?«
»Elektriker«, sagte der Dicke, grinste zahnlos, die Glotzaugen blutversprengt, strich er sich die fettigen Haare aus dem Gesicht. »In Berlin konntest du dir die Jobs aussuchen. Baustelle wollte ich nicht, im Winter zu kalt, im Sommer zu schwer. Hab bei Siemens gearbeitet, als Hausmeister. Mit Dienstwohnung.«
»Nicht übel. Was ist schiefgelaufen?« Das Glimmen der Zigarettenspitze ging gespenstisch, fast zärtlich über Glass’ scharfes Profil.
»Zu viel Durst!« Der Dicke verrenkte sich fast den Hals vor Lachen. »Hab bei einer Nachtschicht den Probealarm verschlafen, da ham sie mich an die frische Luft gesetzt, fristlos. Ohne Arbeit habe ich dann keine Wohnung gefunden. Und ohne Wohnung gibt’s keine Arbeit. Is’n Teufelskreis.« Der Dicke rieb sich den blutadrigen Nasenrücken, stellte sein Bier auf den Boden. »Willste mal sehen?« Er kramte in der Innentasche seiner Jacke, förderte eine abgewetzte Brieftasche zutage. »Hier, meine Frau, wo wir auf Urlaub waren, im Fichtelgebirge. Sah super aus. Solche Titten. Aber Platte machen wollt se nich mit mir.« Er hielt Glass sein Madonnenbild hin.
Der, von Großmut und furchtbarer Sehnsucht angeflogen, sagte: »Alle Achtung« und zeigte auf die Brieftasche. »Die solltest du nicht jedem gleich so unter die Nase halten.«
Der Dicke zog die Schultern hoch. »Is nur Perso, Pappe und ein paar Fotos drin.«
In Glass jubilierte alles. »Du hast ’ne Pappe? Echt? Zeig mal!«
Der Dicke fledderte durch die von seinem Körperfett zum Stapel verleimten Dokumente. »Hier.« Er zog einen grauen Lappen heraus und hielt ihn Glass frohlockend hin. »Hätteste nicht gedacht, wa?«
Gloria in excelsis Deo. Glass drehte das fragile Papier glückstrunken von links auf rechts. »Führerschein, da kannst du doch was draus machen, Mensch«, sagte er. »Musst aufhören zu saufen, dann kannst du Taxi fahren.«
»Lass ma.« Der Dicke nahm ihm das Dokument weg und verstaute es samt der Brieftasche wieder in seiner Jacke. »Der Zug ist abgefahren. Wenn ich noch mal so alt wäre wie du, dann vielleicht. Aber so.«
Glass zog ein Päckchen Tabak aus der Tasche, drehte sich eine neue Kippe. »Wir sind derselbe Jahrgang«, sagte er. »Ich werde auch 49.«
»Du willst mich verarschen!« Der Dicke lachte. Glass feuchtete Zigarettenpapier mit der Zunge an. »Qualmen statt Suff.« Er griff in seine Jackentasche und schien nach seinem Feuerzeug zu suchen. »So bleibst du in Form.«
Der Dicke zog seine verschnapste Nase hoch, rülpste. »Noch’n Bier?«
Glass nickte. Sein Herz schlug dunkel. »Wenn du hast«, sagte er leichthin.
Der Dicke beugte sich vor und sah in die Alditüte. Plötzlich war Glass über ihm. Stahl blitzte. Der Dicke machte eine plumpe Abwehrbewegung, als schlüge er nach einer Fliege – viel zu spät, viel zu langsam, dann fuhr ihm ein Messer durch Kehle und Halsschlagader. Er greinte schwach. Sein Kopf klappte unnatürlich zur Seite, die Augen quollen wild und rollten. Dann schrie er einmal, fast ein furchtbares Lachen. Blasiges Blut schoss aus dem Stumpf seines Halses. Er fiel vornüber auf die Alditüte, verging und lief aus.
Glass trat zurück. Wischte das Messer an seiner Jacke ab. Während er wartete, bis der Dicke in die Alditüte ausblutete, barg er den Boden unter weiteren Tüten. Dann wälzte er den schweren Körper darauf und zog ihn aus. Das fette Schwein stank bestialisch, nach Pisse und Schlimmerem. Obwohl es Sommer war, musste Glass ihm mehrere Lagen Kleidung herunterschneiden. Er warf die Lumpen in das Ölfass. Das Feuer schrie und tanzte dankbar. Glass fand die selig machende Brieftasche. Sogar ein Sozialversicherungsausweis. Unsäglicher Luxus. Bernd Zimmermann also. Ein Name wog so schwer wie der andere. Bernd Zimmermann hatte einen Führerschein, und Michael Glass würde daraus etwas machen.
Als der Dicke nackt vor ihm lag, wand Glass sich aus der eigenen Jacke und warf sie in die Tonne. Ihm war heiß. Er musste sich bewegen können. Das große Klappmesser tanzte in seiner Hand wie das Werkzeug eines Schächters. Trennte den Kopf vom Rumpf. Dumpf bollerte es, als der Schädel auf dem Boden des Ölfasses ins Feuer fiel. Kurz darauf stank es nach verbranntem Haar. Glass zerschlug Arme und Beine an den Gelenken. Das Feuer brüllte gierig, lachte schrecklich, schrie nach mehr. Fettige Schwaden schwangen aus der Tonne. Glass war dankbar für die gottverreckten Fenster und das Loch in der Hallendecke. So zog der Gestank gut ab. Als Glass den Torso in das Fass hievte, goss er Benzin nach. Es gab eine gewaltige Stichflamme, der Bauchspeck riss auf und warf Blasen. Es roch, als sei ihm der Sonntagsbraten missglückt. Glass legte Holz nach und saß still und wartete. Der Rumpf sengte und blubberte und schmorte stundenlang, als müsse erst das Feuer Bernd Zimmermann das Leben abringen. Sein Torso ruderte und krümmte sich, der kopflose Hals bäumte sich auf, die Armstümpfe schwangen, die Wirbelsäule bog sich von rechts auf links. Der Morgen dämmerte bereits, als sie endlich verglühte. Glass sann über die Knochenreste nach. Er stopfte die Alditüten ins Feuer, riesige Plastik-Blutwürste, auf dass es ein letztes Mal schrie. Dann ließ er auch das Feuer sterben.
Als die Tonne kalt genug war, um sie anfassen zu können, rollte Glass sie nach draußen zur Spree. Der Morgen war diesig und kühl, Gott sei Dank, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Gras wuchs büschelweise aus den Spalten im Beton. Rostige Moniereisen bogen sich gen Himmel. Da stand er nun, Michael Glass, dämonischer Guerillero, und wartete, bis der Wind ablandig blies. In seinem Hirn präludierte ein Choral. Näher zu dir, mein Gott. Glass rollte das Ölfass über die Kaimauer. Der Wind erfasste die Asche des Bernd Zimmermann und verteilte sie im Schutze des Morgennebels unauffällig in der Spree.

 

 

 

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