Begegnungen: Schreibwerkschau 2016

Die Schreibwerkschau der VHS Reinickendorf geht in die 7. Runde! Jedes Jahr im März zeigen die Teilnehmer der Schreibkurse von Claudia Johanna Bauer, was sie können. Und das kann erotisch, abenteuerlich oder poetisch sein. Jeder Text ist nicht länger als 3.000 Zeichen, was einer Lesezeit von etwa 2 Minuten entspricht. Alle Autoren schreiben zu einem Thema, und das lautet in diesem Jahr „Begegnungen“. Die Vortragenden stehen am Lesepult oder sitzen, wandern durch das Publikum – manche verkleiden sich auch, singen, treten zu zweit auf oder machen Musik. In der Pause kann man ein Weinchen und einen kleinen Imbiß verkosten. Und da mittlerweile vier veröffentliche Autoren unter den Teilnehmern sind, gibt es einen Büchertisch mit Werken von:

http://www.karimpieritz.de

http://www.andersalborg.de

http://www.carolawolff.de

und von mir auch!

Klingt immer noch piefig? – Na, da sind wir aber weit von entfernt. Beim letzten Mal wurde sogar live „Stairway to Heaven“ gespielt. Das rockt! Also: Kommen Sie einfach mal vorbei!

Von der Seite der VHS:

„Die Schreibwerkschau bietet eine bunte Mischung. Fatales, Bizarres, Groteskes. Vieles, das einen beim Zuhören berührt. Aber natürlich auch Lustiges. Im freien Vortrag. Als szenische Lesung. Oder mal ganz anders. Immer überraschend. Jedes Jahr noch beeindruckender.
Im Mittelpunkt der literarischen Schreibwerkstätten steht das Erlernen und regelmäßige Training des schriftstellerischen Instrumentariums. Dabei sind viele spannende Kurztexte entstanden. Die Autorinnen und Autoren lesen aus ihrer Produktion.“

Wo? Humboldt-Bibliothek, 13507 Berlin, Karolinenstr. 19

Wann? Do, 10.03.2016, 19:30 – 21:30 Uhr

Eintritt:  3 EUR

https://www.vhsit.berlin.de/VHSKURSE/BusinessPages/CourseDetail.aspx?id=391140

Als Kostprobe hier mein Beitrag vom vergangenen Jahr. Das Thema war 2015 „Tabu“.

Der sexy black guy

Wie lange noch, frag ich.
Regeln Sie Ihre Angelegenheiten, sagt der Arzt.
Ich hab ein Recht auf Frühling in New York, sag ich.
Kann ich nicht verantworten, sagt er.
Ich drück ein bisschen auf die Tränendrüse, und dann geht es schließlich doch irgendwie.
Der Himmel über der Stadt hat dieses rauchige, atlantische Fernblau. Ich lass mich zum Deutsche-Bank-Tower an der Wall Street fahren. Der Typ hinter dem Schalter schaut mich entgeistert an.
»Alles?« fragt er. – Natürlich.
Dann geh ich über den Friedhof der Trinity Church zum Wasser. Die Kirschbäume blühen. Ich steig auf ein Boot der Circle Line. Manhattan vom Wasser. Wenn man’s zum ersten Mal sieht, ist es so atemberaubend unwahrscheinlich wie eine Marskolonie. Wenn man’s zum letzten Mal sieht auch.
Am Battery Park hilft mir ein Herr von Bord. Es gab Zeiten, als Männer mir noch nicht auf die Füße gestarrt und »Lassen Sie mich helfen« gemurmelt haben.
Der Lavendel wogt in den Rabatten zwischen den Parkbänken an der Südspitze Manhattans. Hier legen die Fähren zur Freiheitsstatue ab. Ich komm gern her. Man kann dasitzen und hinaus auf die Inseln, die Statue und den Überseehafen mit seinen Kränen und Containerschiffen schauen. Man kann dem Geschnatter der Landeier aus New Jersey lauschen. Den Straßenkünstlern oder den chinesischen Anglern zuschauen. Ich seh mir jedes Mal eine bestimmte Straßenartisten-Show an. Da gibt’s eine Gruppe von obdachlosen Jungs. Ihr Chef ist der sexy schwarze Typ. Früher ist er immer bei den Bootsstegen an einem Laternenpfahl hochgeklettert, oben ohne, und hat den Touristinnen zugerufen: »Ladies, sehen Sie sich den sexy black guy an!«
Jahr für Jahr hab ich ihn mir angesehen. Zuhause gesagt: Konzertbesuche, Galerien, Lesungen. Mich selbst belogen.
Heute sitzt der sexy Typ mit krummem Rücken neben der Musikanlage. Wartet, bis sich genug Publikum versammelt hat. Dann steht er auf. Seine Haare sind grau. Sein Oberkörper ist immer noch einen Geldschein wert.
»Jetzt werdet ihr was Irres zu sehen bekommen«, ruft er. »Ein schwarzer Typ rennt sehr schnell, und kein Cop ist hinter ihm her!«
Der sexy Typ massiert sich den Rücken. Er sucht drei große Männer aus dem Publikum aus, stellt einen Jungen vor, der gleich einen Salto über sie hinweg machen wird.
»Das läuft so«, sagt er. »Seht ihr was, das ihr mögt – klatschen. Seht ihr was, das ihr nicht mögt – trotzdem klatschen. Seht ihr was, das ihr nicht nachmachen könnt – bezahlt uns dafür.«
Gelächter. Einige Touristinnen verdrücken sich. Ich such in meiner Tasche nach dem dicken Umschlag.
Die Jungs machen Breakdance.
»Ladies«, ruft der sexy Typ. »Gebt uns fünf Dollar – wir lieben euch. Gebt uns zehn Dollar – wir lieben euch mehr. Gebt uns fünfzig Dollar – wir gehen ins Hotel mit euch.«
Dann kreist der Sammelbeutel. Großes Hallo: eine Griechin gibt zwanzig Dollar. Ich steck den Umschlag in den Beutel.
Rhythmisches Klatschen. Der Junge nimmt Anlauf: Tusch, Salto, Applaus. Der sexy Typ macht die Musik aus. Die Touristen zerstreuen sich. Ich geh runter zum Hudson. Hinter Staten Island versinkt die Sonne, dramatisch wie das Finale eines Broadway Musicals.
Dann hör ich den sexy Typen wie verrückt schreien.
Ich stell mir vor, er kauft sich sein eigenes Hotel. Auf dem Land vielleicht.

 

 

 

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