Ein schwindelfreies Interview …

http://wortgestalt-buchblog.blogspot.de/2015/12/nachgefragt-bettina-kerwien-die-flotte.html?spref=fb

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Hier ein ganz und gar schwindelfreies Interview, das der tolle Wortgestalt-Buchblog mit mir geführt hat. Danke für die Unterstützung! In diesen Zeiten, in denen so viel Texte erscheinen, ist es unendlich wertvoll, wenn jemand den Blick auf ein Buch lenkt, das ihm Spaß gemacht hat. Aber lest selbst:
„Wer nach einem originellen Berlin-Krimi sucht, sollte unbedingt auch einen Blick auf „Märzwinter“ werfen. Die Autorin Bettina Kerwien hat mit diesem Krimi neben einer temporeichen und spannenden Story im Dunstkreis von Politik, Wirtschaft und Korruption vor allem eine zauberhaft kesse Protagonistin mit einer ganz eigenen Erzählstimme entworfen, die dem Krimi einen Berliner Charme verleiht, der authentischer kaum sein kann. Hier entsteht ein Flair irgendwo zwischen Kiez und Metropole, ein Roman wie seine Stadt.
Wer mehr über das Buch erfahren möchte, findet hier den Link zu meiner Rezension.

 

„Märzwinter“ ist im Oktober 2015 im Sutton Verlag erschienen, im Februar legte Bettina Kerwien bereits im Gmeiner Verlag mit „Machtfrage“ ihr Debüt vor.
Die Autorin wurde 1967 geboren, studierte Amerikanistik und Publizistik in Berlin und schrieb und fotografierte nebenbei für verschiedene Zeitungen. Nach der Gründung einer Werbeagentur und der Herausgabe der Berliner Handball-Fachzeitschrift ging Bettina Kerwien Ende der 1990er Jahre in die Stahlbaubranche, inzwischen ist sie Geschäftsführerin eines Unternehmens, das sich vorwiegend dem Theaterbau widmet. Dies ist ihr Beruf, das Schreiben aber ist ihr Leben, und Bücher zu lesen ist für sie so essenziell wie das Atmen. Beste Voraussetzungen, um mit großer Leidenschaft Geschichten zu erzählen!
Im folgenden Interview spreche ich mit der Autorin über „Märzwinter“, über Berlin, Raymond Chandler, Recherche in amerikanischen Reiseführern über Berlin und warum eine Autorin manchmal auch schwindelfrei sein muss.

 

Was für einen Krimi wolltest du mit „Märzwinter“ schreiben?
In erster Linie wollte ich einen Text schreiben, dessen Figuren gut entwickelt sind und bei dem die Spannungsbögen sauber stehen. Es hilft natürlich auch immer, wenn der Ort der Handlung ganz attraktiv ist – „Berlin-Krimi“, das ist auch immer ein Verkaufsargument und das habe ich bewusst bedient.
Du bist selbst Berlinerin?
Ja, ich bin in Moabit aufgewachsen und lebe jetzt in Reinickendorf. Ehrlich, Moabit gibt mehr her, jedenfalls was das skurrile Irre angeht, für das Berlin ja so bekannt ist.

 

Dann hat deine Protagonistin Liberty Vale ihren Alt-Moabiter Charme also auch deinen Wurzeln zu verdanken?
Das ist wohl so. Ich weiß einfach, wie es da langgeht. Besonders dieses Hart-aber-Herzliche findet sich rechts und links der Turmstraße sehr häufig.
Was schwebte Dir bei der Figur der Liberty vor, woher kam die Idee zu diesem Charakter?
Das hat viel mit Raymond Chandler zu tun. Die Figur ist eigentlich der klassischen Femme fatale nachempfunden, die in das Leben irgendeines armen, rechtschaffenen Mannes hinein segelt und es ruiniert. Außer, dass ich das Klischee hier gebrochen habe. Die Frau hat glücklicherweise auch noch Herz und Verstand – eine Frau wie ein Businessplan, einfach zu schön, um wahr zu sein, wie der Detektiv im Buch über sie denkt.

 

Und dieser Detektiv, Martin Sanders, der hat auch einen Chandler-Einschlag, oder?
Oh ja. Im Gegensatz zu den klassischen Krimis, die ja plot-driven sind, deren Handlung sich also aus der Abfolge der Ereignisse der beiden Handlungsstränge (Ermittlungs- und Vertuschungsstrang) entwickelt, habe ich mich hier bemüht, den dritten Handlungsstrang etwas mehr herauszuarbeiten: den „Privatleben-Strang“. Chandlers Marlowe (einer der ersten Texte, die character-driven waren) hatte ja noch recht wenig Interesse an all den leichten Beuten und Bräuten, die sich ihm freiwillig ins Bett gelegt haben. 🙂 Das ist hier anders. Und um die größtmögliche Spannung aufzubauen, habe ich die beiden Hauptfiguren ganz gegensätzlich angelegt – offen und extrovertiert versus verschlossen und still.

 

 

Das klingt, als wären Dir das Noir- und Hard-boiled-Genre sehr nahe und vertraut?
Das Noir spielt mit den Hoffnungen der Menschen. Er gaukelt einem vor, am Ende könnte alles gut werden und lässt den Leser dann zerstört zurück. Im Idealfall. Oft wird sogar auf der Ebene des Ermittlungsstrangs am Ende tatsächlich alles gut, aber der Privatstrang … Ich liebe es, wenn Chandler seinen Text mit „… und ich habe sie nie wiedergesehen.“ enden lässt. Das hat etwas sehr Urbanes, Modernes. Ich glaube tatsächlich, das ist ist mir nah. Martin Sanders hat aber vor allem das Melancholische, nicht so sehr das Zynische von einem Noir-Detektiv.
Du hast das in „Märzwinter“ sehr gekonnt in der Stimmung eingefangen, man beobachtet die Szenerie beim Lesen an manchen Stellen wie durch einen sepia-farbenen Filter und fühlt einen Hauch New York und ist trotzdem in diesem kiezigen Berlin. War Dir das wichtig, dass diese Eindrücke beim Lesen entstehen? 
In Vorbereitung des Textes habe ich mich viel mit Reiseführern beschäftigt – insbesondere mit amerikanischen Reiseführern über Berlin. Das ist wichtig, um festzustellen, was Leute mit einer totalen Außenperspektive auf Berlin an der Stadt fasziniert. Herausgekommen ist dabei zum Beispiel das eine Motto des Buches: „Like a plane crash survivor, Berlin embraces the now.“
Und da sind sich Berlin und New York sehr ähnlich. Zugegeben, New York ist mein Hobby. Vielleicht auch, weil sich die Stimmungen in den Städten oft so ähneln. New York kann auch sehr kiezig sein, das Village zum Beispiel, da sitzen abends die Wahrsagerinnen vor ihren Läden und sprechen die Passanten an, ob sie nicht Lust auf eine kleine Sitzung hätten? Dieses Sepia-farbene macht einen Großteil der spannenden Stimmung in beiden Städten aus: Es sind „Frontstädte“, Schwellenorte, da ist etwas in Bewegung. Oft auch in Richtung Vergeblichkeit. Ich wollte beim Leser den Eindruck erzeugen, dass in Berlin hinter der glänzenden Hauptstadtfassade alles möglich ist.

 

Da drängt sich die Frage auf, wie Du insgesamt beim Schreiben deines Romans vorgehst, eher methodisch, recherchierst Du viel, wie entsteht so ein Krimi bei Dir?
Was das Methodische angeht, da könnte ich noch zulegen… 😉 Ich mache mir einen groben Plan, ich weiß, was die großen Spannungsbögen sind, plane etwa fünf Szenen vor- und inhaltlich voll aus. Und das Ende muss natürlich jeder Krimischreiber kennen. Oft schneide ich Szenen allerdings noch ineinander oder teile sie, wenn zu viele handlungsrelevante Informationen auf einmal kommen. Bei meinem derzeitigen Projekt (Liberty Vale II) bin ich gerade mit der Einleitung fertig und es drängt mich jetzt unbedingt, das Ende zu schreiben. Das bleibt natürlich nicht so, aber es ist wichtig zu wissen, wo man hin muss. Da kannst Du ganz anders Hinweise streuen. Also methodisch – na ja. Aber ich recherchiere sehr, sehr viel. Ich weiß immer viel mehr über ein Thema und eine Figur, als dann auf dem Papier landet. Ich glaube, das ist wichtig, damit man eine gewisse Tiefe zumindest vortäuschen kann und auch für einen Fachjargon, der ja manchmal erforderlich ist. Auch Experten zu fragen ist wichtig. Leider kenne ich nicht halb so viele Leute, wie ich müsste!

 

Woher kam die Idee, den Krimi im Dunstkreis von Politik, Lobbyismus, Datenmissbrauch und Finanzmarktsmanipulation anzusiedeln?
Das Thema von „Märzwinter“ schließt an das Thema meines ersten Buches an – es geht mir, glaube ich, immer mehr oder weniger um Machtmissbrauch. Und hier in Berlin sitzen wir ja in der ersten Reihe. Seit dem Bankenskandal im Jahr 2000 ist mir erstmal so richtig bewusst geworden, dass es quer durch alle Institutionen so eine Art „herrschende Klasse“ gibt, und wenn man da erstmal Mitglied geworden ist, unabhängig von Parteibuch oder sonstiger institutioneller oder persönlicher Überzeugung, da wird einem (offenbar) plötzlich klar, dass man das ganz große Los gezogen hat. Dass man sich ja auch festsetzen und erstmal selbst seine Schäfchen ins Trockene bringen könnte. Die Welt verändern kann man dann ja immer noch. Und das vergisst man dann irgendwann und bedient sich nur noch selbst, und so entfremden sich die Politik, die Verwaltung und die Wirtschaft vom „richtigen Leben“ und entwickelt ein Eigenleben. Das regt mich sehr auf, was für eine Verschwendung von Ressourcen! Man wähnt sich im Wilden Westen, es gilt das Recht des Stärkeren. Aktuell löste neben dem Libor-Skandal (Top-Händler aller Großbanken sollen über Jahre die Währungskurse manipuliert und dabei ihre Kunden abgezockt haben) das Buch „Macht und Machtmissbrauch“ von Wilhelm Schlötterer einen besonderen Motivationsschub in mir aus, mich des Themas anzunehmen. Der Steuerfander Schlötterer zeigt die Machenschaften der Clique um Franz Josef Strauß auf. Was würde Strauß heute versuchen, wenn er diese ganz anderen technischen Möglichkeiten hätte, dachte ich.

 

Mit einem großen Konzern, der Software zur globalen Finanzverwaltung zur Verfügung stellt…
Genau. Wahrscheinlich ganz gut, dass wir nicht alles wissen, was tatsächlich läuft. Offiziell ist man in der Politik ja gerade, was Lobbyismus angeht, sehr um Offenheit bemüht. Da gibt es tatsächlich Listen, welche Banken wie oft welche Gespräche mit dem Finanzministerium führen (auf Platz 1 bei der Häufigkeit war die Commerzbank, als ich zuletzt geschaut habe). Was allerdings auch praktiziert wird, ist der im Buch erwähnte Vorgang, dass Ministerien und Konzerne ihr Personal austauschen, damit die Posten Einblicke in die Arbeit der jeweils anderen bekommen. Auch, dass Konzernlobbyisten Gesetzestexte diktieren, soll wohl schon vorgekommen sein …

 

Bester Krimistoff also. Dein erster Roman „Machtfrage“ beschäftigt sich mit ähnlichen Themen?
In der „Machtfrage“ geht es um sehr viele Spielarten von Machtmissbrauch. Einerseits bedient sich ein Brandenburger Staatssekretär aller ihm offiziell und inoffiziell zur Verfügung stehenden Mittel, um sich das Leben schöner zu machen. Andererseits geht es auch um die Macht des Geldes: Das von der RAF geraubte und erpresste Geld wird von einigen Ehemaligen verwendet, um eine Stiftung zu gründen, die sich gegen soziale Ungerechtigkeit engagiert. Macht der Liebe, Macht des Wissens … alles dabei. Das Buch hat allerdings einen ganz anderen, viel ernsthafteren Ton.

 

Und ist auch bei einem anderen Verlag erschienen als „Märzwinter“, richtig? 
Genau. Der Gmeiner-Verlag wollte den Text für seine Reihe zeitgeschichtlicher Krimis. Das Buch spielt hauptsächlich 1998, ich musste die Handlung extra noch sechs Jahre nach hinten verlegen, damit das passt. Da richtet man sich wohl auch speziell an historisch interessiertes Publikum. Die „Machtfrage“ ist ja erst in diesem Frühjahr erschienen, da kam Gmeiner der „Märzwinter“ wohl etwas zu schnell hinterher.
Wie kam es zu der recht kurzen Folge eines zweiten Krimis auf das Debüt?
Ich habe seit etwa vier Jahren einen Agenten, den unbezahlbaren Elmar Klupsch von BookABook. Als ich ihn kennengelernt habe, war das erste Buch schon so gut wie fertig. Es hat dann noch ein paar Überarbeitungen gebraucht und somit etwa zwei Jahre gedauert, bis sich ein Verlag interessierte. Und als der Vertrag dann da war, sollte es immer noch über ein Jahr dauern bis zur Veröffentlichung. Währenddessen habe ich einfach weitergeschrieben. Ich hatte da schon das neue Thema und vor allem auch die neuen Figuren im Kopf, die einfach nicht still sein wollten. Weil das erste Buch so lange gedauert hat, hätte das zweite es am Ende fast noch überholt. Der Sutton Verlag, der jetzt den „Märzwinter“ gemacht hat, wollte damit ursprünglich schon im Sommer rauskommen. Das haben wir dann aber doch nochmal umdisponiert, denn dann hätte ich für die Werbung von Buch I gar keine Zeit gehabt. Außerdem ist der „Märzwinter“ im Winter wohl besser verkäuflich.

 

Fährst Du dann weiter zweigleisig mit Gmeiner und Sutton, so dass dann jede Art von Krimi sein eigenes Zuhause hat?
Es gibt sicherlich Verlage, die besser für ein Buch sind als andere. Leider ist das überhaupt kein Wunschkonzert. Die Verlage warten ab, wie sich ein Titel verkauft und das muss schnell passieren. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mit Liberty Vale II passieren wird. Bei Sutton ist derzeit sehr viel im Umbruch. Und Gmeiner? Ich warte auf das Feedback zu den Verkaufszahlen. Jedenfalls ist jedes der beiden Bücher auf eine mögliche Fortsetzung angelegt.

 

Wäre für dich Self-Publishing eine Alternative?
Darüber habe ich letztens erst mit Karim Pieritz gesprochen, der in seinem eigenen kleinen Berliner Pieritz Verlag seine selbstgeschriebenen Kinderbücher sehr erfolgreich vertreibt. Ehrlich gesagt, ich glaube, da würde mir die Motivation fehlen. Weil ich ja auch noch einen kleinen „Nebenjob“ habe. Ich brauche irgendwie die Anerkennung durch eine professionelle Institution – einen Agenten, einen Verleger -, dass ich einen marktfähigen Text produziert habe. Wahrscheinlich bin ich einfach zu schüchtern für Self-Publishing. Nein, ich könnte das auch zeitlich alles gar nicht leisten. Kann ich ja jetzt schon kaum.
Du arbeitest hauptberuflich in der Baubranche?
Im Stahlbau, ja. Ich bin Geschäftsführerin in einem kleinen Borsigwalder Traditionsunternehmen. Wir bauen nur Einzelfertigung, hauptsächlich im Theaterbau. In Berlin haben wir praktisch in jedem Theater schon etwas umgebaut. Durch den Job komme ich an viele interessante Stellen in der Stadt. So auch außen an den Fernsehturm, wo sich im „Märzwinter“ ja eine Verfolgungsjagd mit Abseilen etc. abspielt. Habe ich echt recherchiert!

 

Und schwindelfrei?
Mittlerweile. Wenn man nicht hysterisch wird, kann man sich an alles gewöhnen. (Das hätte jetzt von Libby sein können.)

Das Interview führte WortGestalt-BuchBlog im Dezember 2015 mit der Autorin Bettina Kerwien.

An Bettina Kerwien als Krimiautorin könnte ich mich übrigens gewöhnen! Und wer eine Faible für echte Berlin-Krimis hat, die mit Charme und Schnauze, dem sei „Märzwinter“ wirklich ans Herz gelegt. Mir würde ja selbiges aufgehen, wenn Liberty Vale und Martin Sanders fest im Ensemble des Berliner Krimizirkus aufgenommen werden würden, die beiden haben sich den Platz verdient. Kesse Lippe, flotte Biene, aber trotzdem Hand und Fuß, das ist beste Krimiunterhaltung nach Berliner Art!“
Nochmals vielen Dank!!!
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