Berlin-Krimi mit Charme, Herz und Schnauze!

Am 26. November 2015 habe ich mich besonders über die folgende neue (und meines Erachtens sehr treffende) Rezension des WortGestalt-Buchblogs bei Amazon gefreut:
WortGestalt-BuchBlog
Rezension bezieht sich auf: Märzwinter. Ein Berlin-Krimi. Escort-Lady und Privatdetektiv ermitteln im politischen Berlin. Hochspannung aus der Hauptstadt mit einem packenden Regionalkrimi (Sutton Krimi) (Taschenbuch)

Nicht gleich wieder aussteigen, ich hole ein bisschen weiter aus: Eine für eine bestimmte Jahreszeit eigentlich nicht typische, aber trotzdem mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder auftretende Wetterlage nennt man in der Meteorologie Singularität, so der Duden. Etwas verhält sich also anders, als es normal wäre, aber es verhält sich so regelmäßig anders, dass es eigentlich schon wieder normal ist. Und dank seiner Regelmäßigkeit auch Namen verdient. Die Eisheiligen zum Beispiel, das ist so eine Singularität. Oder auch der Altweibersommer. Und der Märzwinter, der auch. Ein plötzlicher Kälteeinbruch Mitte März mit Frost. Zuletzt hatten wir das hier in Deutschland 2013, sagt wikipedia. Zu dieser Zeit spielt auch Bettina Kerwiens Krimi, im März 2013, es ist saukalt. Muss also stimmen das mit dem Märzwinter.

Und dieser Märzwinter hält neben bemerkenswert frostigen Temperaturen eine bemerkenswert entzückende Protagonistin bereit: Liberty Vale, und das ist kein Künstlername, das ist Berlin, Schätzchen, da heißen Leute tatsächlich so, ich zitiere: „Du denkst, Künstlername oder jetzt wollen die mich verarschen, aber nein: Berliner sind bloß wild und verwegen. (aus „Märzwinter“, Bettina Kerwien, S. 42). Liberty, Anfang 30, ist ein kluges Mädchen, eine waschechte Berlinerin, Alt-Moabiter Charme, nicht auf den Mund gefallen, in Anbetracht der geltenden Schönheitsideale hitverdächtig und umwerfend und sie hat das Herz auch noch am richtigen Fleck. Und auch genügend Kerzen auf der Torte, um als Jurastudentin den Rechtswissenschaften zu frönen. Als jedoch der Stiefpapa nach einer Auseinandersetzung den Geldhahn zudreht, jobbt Liberty erstmal als Flugbegleiterin und bleibt dort hängen. Zehn Jahre lang. Bis ein, nennen wir es mal „Vorfall“ mit einem Fluggast ihr die Kündigung und eine dicke Schadensersatzklage einbringt und Libby kurzerhand das Angebot annimmt, bei einem Escortservice das nötige Kleingeld für den anstehenden Prozess zu verdienen. Aber sie hat ihre Grundsätze, nur gucken, nicht anfassen! Das passt ihrer Agenturchefin Susi wenig, könnte sie aus dem goldenen Engel doch einen wahren Goldesel machen.

Susi Freund Joachim Jäger, Lobbyist und Berater in Wirtschaftskreisen, hat hingegen ganz eigene Pläne mit Libby. Eine Staatssekretärin soll zu Fall gebracht werden, wer zu viel weiß, muss weg! Libby soll die Dame verführen, ein Privatdetektiv heimlich kompromittierende Fotos schießen und alle sind hinterher zufrieden. Pustekuchen! Die ganze Sache stinkt natürlich zum Himmel, die Verwicklungen reichen bis in oberste Regierungskreise und ein Softwarekonzern, der Programme für die globale Finanzverwaltung zur Verfügung stellt, ist so korrupt wie mächtig, und unentbehrlich für die Bundesregierung. Macht man sich damit erpressbar? Oh ja! Feinde? Unbedingt!

Liberty Vale und der Privatdetektiv Martin Sanders (Ex-Polizist, jetzt ganz Detektiv der alten Schule, man kann ihn sich gut in schwarz/weiß vorstellen) geraten zwischen die Mühlen der Macht, an der Honigfalle schleckt schon der Sündenbock und während Liberty und Sanders versuchen, ihre Hintern zu retten, brennt schon mal ein Tanklaster, zerbirst die ein oder andere Fensterscheibe und verlassen zahlreiche Kugeln den Lauf so mancher Waffe.

„Märzwinter“ ist ein Krimi mit Tempo und Action, ein reichhaltiges Figurenensemble mit den unterschiedlichsten Motiven sorgt für eine sehr agile, sehr lebendige Handlung. Aber es ist auch Platz für die Charaktere, für Zwischentöne, für Zwischenmenschliches, übrigens hier ganz Berlin eben ganz ohne Schmalz, und für Stimmungen. Ab und an weht ein kleiner Hauch New York durch die Straßen Berlins, manchmal flackert die Beleuchtung und aus dem bunten 2013 wird ein sepiafarbenes 1950, so das Kopfkino des Lesers denn mitspielt. Bei mir lief es auf Hochtouren. Zu Beginn muss man sich vielleicht ein wenig eingrooven in den Stil und den Ton, dieser Krimi hat eine ganz eigene Erzählstimme, die kapitelweise aus der Ich-Perspektive Libertys die verbale Keule mit viel Elan schwingt und recht salopp und umgangssprachlich auftritt. Das nimmt man Liberty aber nicht lange übel, im Gegenteil trägt es zur Authentizität bei und relativiert sich in den übrigen Kapiteln.

Fazit: „Märzwinter“ hat Charme, Herz und Schnauze. Es ist ein wildes Spektakel auf Basis einer standfesten Geschichte im Dunstkreis von Wirtschaft, Politik und Korruption. Gekrönt wird die Show mit seinen Figuren und seinem Flair irgendwo zwischen Kiez und Metropole, ein Berlin-Krimi wie seine Stadt.

Bewertung: 82,2 %
Stil: 3/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 5/5 | Plot-Entwicklung: 4/5
Tempo: 5/5 | Tiefe: 3/5 | Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 5/5 | = 4,11 Punkte

© wortgestalt-buchblog.blogspot.de

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