Extreme Figurenentwicklung, extrem gelungen

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Matt Ruff hat mich erwischt.
Zugegeben, der Mann brauchte eine zweite Chance. Vor ungefähr 25 Jahren, ich war in einer frühadoleszenten Findungsphase und las „Absolute Beginners“ von Colin MacInnes (heute vergessen, obwohl in der Verfilmung Bowie mitspielte) oder „The Graduate“ (Charles Webb, verfilmt mit – na klar, dem traurig schauenden Dustin Hoffmann) und natürlich Salinger rauf und runter, gab ich Matt Ruff die erste Chance, es war nicht nur seine erste Chance bei mir sondern überhaupt sein erstes Buch: „Fool On The Hill“. Das war mir zu viel, zu viele Ideen für einen Text, zu wirr, zu viele Handlungsstränge. Ich habe es noch. Ich schleiche darum herum, aber die Lektüre fühlt sich an wie Drogen nehmen und als ob die Achtziger zurück sind. Die Hälfte des Textes ist Figurenentwicklung, Gott ist ein Schriftsteller namens Mr Sunshine, und dann ist der Text aus. Nicht wirklich meins.
Aber ein Wahnsinnstalent, dieser Ruff. Jemand hätte ihm damals sagen sollen, dass man nicht mit jedem Buch die Welt retten muss. Dass man auch für jede Idee EIN Buch schreiben kann und nicht alle Ideen in ein Buch schreiben muss. Ganz ruhig, Brauner.
25 Jahre später. Durch Zufall fällt mir sein Text „Set This House In Order“ in die Hand, nicht taufrisch, zuerst gedruckt 2003. Und – Jubelschrei! – jemand HAT Matt Ruff gesagt: ein Thema, ein Buch, das reicht, Junge! In gewisser Weise ist er sich trotzdem treu geblieben. Die Kurzbiografie vorne im Buch bezeichnet ihn als „obsessive Persönlichkeit“ – ein bißchen mehr darf es offenbar immer sein.
„Normale“ Autoren schreiben oder zeichnen oder überlegen sich zumindest für jede ihrer literarischen Hauptfiguren einen Satz Eigenschaften und Vorlieben, einen Namen und eine Persönlichkeit. Ruff macht Folgendes:  Er läßt im „House“ zwei Hauptfiguren auftreten: Andrew Gage und Penny Driver. Andrew ist der „Hausverwalter“ in einem ganzen Haushalt von „Seelen“, soll heißen: Andrew hat eine multiple Persönlichkeit. Seine Seelen sind unterschiedlichen Geschlechts und Alters, es gibt den sechsjährigen Jake oder die Malerin Tante Sam. Aber Andrew hat die „Sache“ scheinbar im Griff. Penny, die er über die Arbeit kennenlernt, ist ebenfalls multipel, hat sich dies aber noch nicht bewußt gemacht. Gemeinsam gehen sie auf einen Roadtrip, die große dramatische Frage lautet: Hat eine von Andrew Gages Persönlichkeiten in der Vergangenheit seinen Stiefvater umgebracht? Das ist spannend. Das Spannendste ist aber für mich, wie Ruff es schafft, unter dem Dach seiner Hauptfiguren, ohne dass diese fadenscheinig oder unglaubwürdig werden, jeweils eine ganze Gruppe von Personen mit einem eigenen Satz von Verhaltens- und Interessenseigenheiten zu versammeln, die man als Leser jeweils ganz deutlich separat vor sich sieht (obwohl sie alle fast genauso aussehen). – Brilliant! Wie macht der Autor das? Mit Details. Die eine Figur raucht, die andere sagt immer nur „fuck, fuck“, die dritte hat eine andere stärkere Körperspannung, die vierte will mit jedem Mann ins Bett … der Effekt ist verblüffend.
Man fängt an zu überlegen, ob man selbst seine unterschiedlichen Befindlichkeiten und Macken nicht auch benennen könnte. Heute war ich in brast und hab alle angemault – sorry, Leute, heute hat „Brutus“ den Körper gemanaget. So in der Art.
Besonders unheimlich finde ich Ruffs Konzept der „Zeugen“. Einige von Andrews Seelen haben keine voll ausgebildete Persönlichkeit, es sind Abbilder von Andrew in dem Moment, in dem ihm ein bestimmtes traumatisches Erlebnis passiert ist. Die Funktion der „Zeugen“ ist, nur diese eine Erinnerung zu verkapseln und zu bewahren. Um sich mit einer dieser Erinnerungen wiederzuvereinigen, sie sich also wieder bewußt zu machen, muss die „Zeugenseele“ Andrews Kopf schlucken – wie ein Löwe im Zirkus. – Das fand ich wahnsinnig plausibel. Wer weiß, wer weiß …
„A stunningfeast of literarycraftsmanship.“ – San Francisco Chronicle
Dem ist nichts hinzuzufügen. Unbedingt empfehlenswert.
Der Inhalt des Buches, auf Deutsch unter dem Titel „Ich und die anderen“ bei DTV erschienen, in der Zusammenfassung des Verlages:
Gar nicht so leicht, jeden Morgen die Bedürfnisse aller Hausbewohner zu befriedigen. Aber eigentlich hat Andrew Gage sich und seine »anderen« ganz gut im Griff. Andrew hat eine Multiple Persönlichkeitsstörung; mit Unterstützung einer engagierten Psychologin hat er es jedoch geschafft, für die vielen Ich-Abspaltungen in seinem Kopf ein imaginäres Haus zu konstruieren

Eine strenge Hausordnung ist der Garant dafür, daß Andrew sich im wirklichen Leben behaupten kann. Doch die Grundmauern des Geisterhauses beginnen stark zu wackeln, als Andrews Chefin Julie, Gründerin einer Firma, die sich mit virtueller Realität befaßt, die junge Penny Driver einstellt. Denn Penny ist ebenfalls multipel – nur weiß sie das noch nicht. Ob die nymphomane Loins, die lauthals fluchende Maledicta oder die gewalttätige Malefica: Wann immer eine ihrer verschiedenen »Seelen« die Herrschaft über Leib und Geist gewinnt, kommt es zu einem Blackout.

Julie glaubt, daß Andrew Penny helfen könnte, doch allzu schnell läuft die Situation aus dem Ruder und Andrews filigranes Seelengefüge droht ebenfalls aus dem Gleichgewicht zu geraten. Den beiden bleibt nur eins: Sie müssen sich dem dunkelsten Kapitel ihres Lebens stellen. So finden sich Penny und Andrew – inklusive einem Dutzend Seelen auf dem Rücksitz – auf einem irrwitzigen Roadtrip quer durch Amerika wieder, der sie mit ihren traumatischen Kindheitserlebnissen konfrontiert. Und plötzlich steht die Frage im Raum, ob Andrew in seiner Vergangenheit einen Mord begangen haben könnte …

»Ruff verblüfft durch seinen Einfallsreichtum, mit dem er der verrückten Geschichte immer wieder neue Wendungen gibt – Spaß pur!« (Focus)

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