Ein Stern, der meinen Namen trägt …

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Schreiben ist viel Arbeit.

So titelte letztens schon sehr treffend die „Federwelt“. Gemeint sind die Rezensionssterne von Lesern auf Amazon oder anderswo. Das Fünf-Sterne-System ist sehr verbreitet, 5 = super Buch, 1 = schlechtes Buch. Oft liest man den Wunsch von Amazon-Kunden, 0 Sterne vergeben zu dürfen – gemeint ist wahrscheinlich: unterirdisches Buch.

Und jetzt kommt’s: Genau wie es gemeinerweise ja auf Createspace jedem selbsternannten Selfpublisher-Goethe möglich ist, seinen ungezügelten Schreibversuch der Weltöffentlichkeit als E-Book reinzureiben, so ist es der Weltöffentlichkeit umgekehrt auch möglich, sich an diesen anmaßenden „Hobby-Schriftstellern“ dafür zu rächen, wenn sie einem EUR 2,99 abgeluchst und einem wertvolle Lebenszeit mit ihrem „talentfreien Schreibversuch“ abgezogen haben. Man schreibt einfach eine schlechte Rezension.

So weit, so demokratisch. Oder christlich: Auge um Auge.

Zugegeben, eine Ein-Stern-Rezension habe ich Gott sei Dank noch nicht. Aber das wird noch kommen, da muss man sich keine Illusionen machen. Vielleicht provoziere ich es jetzt gerade mit diesem Blogbeitrag. Und natürlich zuckt der Schriftsteller erstmal bei schlechteren Besprechungen. Selbst bei den Zwei-Sterne-Rezensionen ging es mir nicht gut. Ich finde es vor allem schade, wenn die Geschichte den Leser nicht „packt“, also die Unterhaltung nicht funktioniert, weil mir Spannungsbögen ausgesprochen wichtig erscheinen. Das ist nicht von mir, sondern von Dan Brown. Und es funktioniert eigentlich zuverlässig. Ein guter erster Satz für ein Buch ist zum Beispiel: „Diesmal sind auch ein paar Neue dabei.“ (Hedy Loewe, Dignity Rising). Schon ist man neugierig. Dann folgen noch ca. 20 Seiten kostenlose Leseprobe. Wer ein Buch dann kauft, trifft eine informierte Wahl und ist aus meiner Sicht wirklich fair behandelt worden. Und ehrlich: Ich habe auch schon Hardcover-Bücher für EUR 29,00 im Laden gekauft, die mir dann nicht gefallen haben. Das würde ich das ganz normale Leserisiko nennen.

Tatsächlich gibt es natürlich auch viele sachliche, kenntnisreiche kritische Rezensionen. Die tragen den unterschiedlichen Geschmäckern Rechnung oder bemängeln etwas Technisches in Text. Das ist teilweise sogar sehr erhellend und man lernt etwas von dieser Art Feedback. Auf jeden Fall wird der Autor / die Autorin nicht in seinen Bemühungen persönlich angegriffen und diffamiert.

Nun ist unser Leser/unsere Leserin in seiner Kaufentscheidung also genauso mündig und autonom, wie er ja dann als Rezensent auch tut. Es liegen ihm/ihr viele Informationen vor, auf deren Grundlage er sich für oder gegen den Kauf eines Textes entscheidet. Warum kann einen Leser ein Text trotzdem persönlich beleidigen, sodass er persönlich zurückschlägt? Ich schreibe diesen Artikel, weil ich mich über folgende Rezension (die nicht mein Buch betrifft) geärgert habe:

„Talentfreier Schreibversuch: Hobby-Schriftstellerin…das schreckt erst mal ab. Vermutung einer Bastelarbeit, Selbstberufung gegen jeden gutgemeinten Rat des alten Deutschlehrers, Rache an jenem…vieles scheint da möglich, bis hin zum Ratschlag des Kassen-Therapeuten, die inneren Verletzungen ins Äußere zu schreiben. Das klingt vorbelegt, gebe ich auch gerne zu, aber dieses Buch gibt auch keinen Anlass, von Vorurteilen gegen solche Werke zu lassen. Auf die guten Kritiken hier will ich nicht eingehen, ihre Zahl entspricht im Ungefähren dem Durchschnitt an Verwandten und guten Freunden. Details spare ich mir, dafür ist mir die Zeit zu schade. Deshalb in aller Kürze: Talentfrei ist noch das freundlichste Wort, das mir zu diesem Schreibversuch einfällt.“

Ich kenne das besprochene Buch nicht. Aber hier wird auch gar nicht nur das Buch besprochen (das „spart“ sich der Rezensent, vielleicht kann er es auch einfach nicht, denn Textanalyse ist zwar in Deutsch in der Schule dran, aber nicht jeder kapiert es). Hier wird über die Person der Autorin spekuliert. Woher weiß der/die das mit dem Deutschlehrer? Ist das fair?

Ich mach jetzt mal das, was viele kritische Rezensenten auch tun: Ich spekuliere. Warum schauen diese Hater überhaupt bei den Selfpublishern rein, wenn die ihnen eh schon verdächtig sind? Vielleicht wollen sie ja ein Schnäppchen machen (Geizhälse). Vielleicht sind sie Zocker, oder selbsternannte Talentscouts? Perlentaucher? Vielleicht treibt sie auch eine Art selbstbestätigende Schadenfreude: Wieder einer/eine, die es nicht kann (so wie ich, der Rezensent, selbst)? – In allen diesen Fällen sollte man doch seine Selbstbestätigung einfach genießen. Im Stillen. Schließlich hat man ja dafür bezahlt.

Aber genau wie es die „dilettantischen Autoren“ gibt, gibt es auch die sich selbst zum Literaturpabst erhebenden Leserlinge. Die schreiben dann im vollen Bewußtsein, dass es quasi unlöschbar und für die ganze Welt sichtbar für alle Zeit im Netz steht, einfach ihren „Expertenkommentar“. Für den im Übrigen auch keinerlei Qualifikation erforderlich ist („Hobby-Rezensent“). Jeder kann irgendetwas Unsachliches schreiben und ein Buch mit einem Stern bewerten. Manchmal machen die Schreiber sich damit selbst lächerlich, möglicherweise mit Absicht, wie zum Beispiel hier in diesen beiden Ein-Sterne-Rezensionen von Goethes „Faust“:

„Ja ne wirklich. So viele Buchstaben und viel zu viele Seiten. Man muss sie selber drehen….äh falten. Nein. Ich meine umlegen. Egal. Schlimm. Und dann noch so viele Buchstaben. Wer soll denn das lesen. Wirklich. Zum Kotzen.
Am Ende passiert was und ich hab keine Ahnung wies weitergehen soll. Typisch Hollywood. Nie wieder!“

Und Nr. 2:

„Die Geschicht überfordert die begrenzten Fähigkeiten von Johann Wolfgang von Goethe. Während der erste Teil der Erzählung noch interessant ist und durchaus seine Highlights hat, wird sie mit zunehmender Dauer schlicht banal und eintönig. Das ganze ist viel zu vorhersehbar und sogar die Gebrüder Grimm hatten einfallsreichere Enden! Ehrlich gesagt muß man schon ein extrem fanatischer Fan von Goethe sein, um dieses Machwerk gut zu finden. Also ich würde das Buch nicht mal geschenkt nehmen!!!“

Gut, das ist ein Werk, das von dieser Sorte Rezension keinen Schaden nehmen wird. Man stelle sich das aber mal bei einem Selfpublisher vor, der jahrelang an seinem Buch gefeilt hat und nun hofft, damit ein Publikum zu unterhalten / anzusprechen. In guter Absicht, würde ich mal unterstellen. Denn jeder, der schon mal versucht hat, ein Buch zu schreiben, wird zugestehen müssen, dass es viel Arbeit ist. Wer nur abzocken will, für den gibt es einfachere Arten, an EUR 2,99 zu kommen. Wieso muss man also diesen Autoren gegenüber persönlich und unsachlich werden?

Und zum Thema „Hobby-Schriftstellerin…das schreckt erst mal ab“: In der taz (12.03.11) lesen wir: “ „In Deutschland können vielleicht 100 bis 200 Schriftsteller allein vom Schreiben leben“, sagt zum Beispiel Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Sprecher des Gewerkschaftsverbundes deutscher Schriftsteller. Das sei ein sehr geringer Prozentsatz. „Die meisten brauchen einen Brotberuf als Lehrer, Journalist oder Lektor, um über die Runden zu kommen.“ “ Nach Angaben der Künstlersozialkasse verdienen Schriftsteller im Durchschnitt 14.000 Euro netto im Jahr. Aber es ist eben ein Traumberuf. Kann man es Menschen verdenken, dass sie träumen? Dass sie Dinge versuchen?

Auch Goethe war übrigens zeitweise „Hobby-Schriftsteller“. Auf http://www.johann-wolfgang-goethe.de heißt es: „Obwohl er auf Drängen seines Vaters hin Rechtswissenschaften studiert, gilt seine Leidenschaft schon immer dem Schreiben. Doch Goethe kennt sich in allen Bereichen des Lebens und Wissen aus: Neben dem Dasein als Dichter ist er Künstler, Theaterleiter, Naturforscher, Kunsttheoretiker und Staatsmann.“

Liebe Rezensenten: Bitte bleiben Sie sachlich. Bleiben Sie fair. Ohne „Hobby-Schriftsteller“ gäbe es verdammt wenig zu lesen. Vielleicht weniger „Talentfreies“, auf jeden Fall aber auch weniger, das Ihnen gefällt.

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