Totensonntag

Featured imageHier ein Kurzkrimi, den ich für einen Schreibwettbewerb geschrieben habe. Gleichzeitig eine der ersten Manifestationen eines Noir-Detektives in meinem Universum 🙂 Genau wie bei Raymond Chandlers ersten Geschichten mit einem hartgekochten Detektiv (siehe „Killer In The Rain“) hat der Held keinen Namen, weist aber alle Merkmale eines genretypischen Helden auf.

Für Mitte Januar war es eine ziemlich schöne, unfeierliche und gut durchgelüftete Beerdigung gewesen. Kurz nach ein Uhr mittags hatte sich der Sargdeckel für immer über Moppy Strawinskys bleich glänzender, pockiger Visage geschlossen. Als die Tür der Kapelle hinter mir zufiel, wehte mich so etwas an. Ich stamme hier aus der Gegend, in Moabit geboren, beide Eltern tot, keine Geschwister, und sollte es mal so weit kommen, dass ich in einer dunklen Gasse um die Ecke gebracht werde, wie es in meinem Beruf ja jedem passieren kann und vielen Leuten in jedem Beruf oder Nicht-Beruf tagtäglich passiert, dann wird kein Mensch das Gefühl haben, dass seinem beziehungsweise ihrem Leben der Hauptzacken aus der Krone gebrochen wäre.
Moppy war ein Zugereister aus Bad Waldbröhl, aber er hatte in der Stadt eine beachtliche Karriere gemacht. Ich kannte mich aus mit den Brüdern. Keiner hatte erwartet, dass Moppy zum Kandidaten für Germanys Next Joopi Heesters avancieren würde. Nun hatte ihm jemand einem mörderisch harten, roten Plastikpepperoni Made in Taiwan in die Luftröhre gerammt – originell und standesgemäß für den wenig populären Pizza-Paten von der Friedrichstraße.
Also hatte ich mich in Schale geschmissen, beim Pakistani an der Ecke die Nasenhaare rasieren lassen, den Hut aufgebürstet, den uralten schwarzen Maßanzug aus der Reinigung geholt und im Foyer des schicken, teuren, spanischen Hotels am Spreeufer ein paar Minuten unauffällig genug herumgelungert, um die Schuhputzmaschine benutzen zu können. Ich sah aus wie ein Schnüffler aus dem Samstag-Abend-Programm, aufpoliert wie ein Dobermann, melancholisch wie ein Mops mit Strasshalsband.
Moppys Vermächtnis an Berlin bestand aus zwei hübschen, wilden, mutterlosen Töchtern, die bauchfrei und schluchzend an seinem Grab herumtänzelten. Beim Defilee nötigte mir die Blonde ihre Telefon-Nummer auf, ich nahm sie, gab ihr meine Karte, was eigentlich gar nicht mein Stil ist. Aber da war etwas in ihren Augen, dass ich noch bei keiner anderen Frau gesehen hatte. Sie war hart und sauber und kalt und versprühte soviel Partyspaß wie Eis in ’nem Cocktailshaker.
Das schlug mir auf den Magen. Ich fuhr direkt in meine Stammkneipe, setzte mich zum Frühstück an den Tresen, Orangensaft, Rüherei mit Speck, drei Tassen Kaffee, ein Zahnstocher. Der Himmel über der Stadt war dunkelgrau, mit tiefhängenden Wolken und der Aussicht auf noch mehr nassen, schmutzigen Schnee. Ich überlegte gerade, was für ein beschissenes Leben das doch war, und ob es wohl noch genauso beschissen wäre, wenn ich ein paar doppelte Scotch intus hätte, als das Telefon hinter dem Tresen klingelte. Der Wirt grunzte in den Hörer, dann hielt er ihn mir hin.
„Hm?“
„Warum zum Teufel hast du dein Handy nicht an?“
Die Stimme der Vernunft. Sie gehörte dem Chef. Der war wach wie ’n Vorstehhund beim Hallali und schon wieder 100% im Dienst. Ich sah seinen kahlen, rotglänzenden Schädel vor mir, runder und praller als ’n Buzzer inner Mittwoch-Vormittags-Gameshow.
„Weil Sonntag ist, Klugscheißer“, antwortete ich.
Er holte so tief Luft, dass ich den Sog am meinem Ohr spüren konnte. Mein Ohrläppchen flattere. Vielleicht nicht ganz die richtige Ansprache.
„Sorry“, ergänzte ich. „Chef-Klugscheißer.“
Eigentlich war das mit dem heiligen Wochenende eine Ausrede. Die Wahrheit war: Ich hasste Handys. Manche bekamen das heulende Elend von Alkohl oder Frauen. Ich bekam es von Handys. Sie machten mich krank.
„Wir haben eine Leiche.“ Der Chef keuchte, als würde er zu Fuß den Fernsehturm rauflaufen und dabei ’ne Partie Taschenbillard spielen.
Ich klemmte den Hörer gegen meine Schulter und klopfte ein Zigarillo aus der Schachtel.
„Wo?“, fragte ich.
„Schwimmt im Tegeler Fließ, hinter dem Arbeitsamt. Ein Busfahrer hat sie entdeckt, als er pinkeln mußte. Sie war noch nicht mal richtig kalt.“
Ich inhalierte den scharfen, süßlichen Rauch, während die Szenerie vor meinem geistigen Auge erschien. Für eine junge, unfertige Stadt wie Berlin war Tegel regelrecht ein Idyll, vor allem an einem weichgespülten Wochenende wie diesem. In jedem anderen Bezirk würde man in die zentralen Baulücken Spielhallen oder Drogendiskos bauen, in Tegel baute man Altersheime mit Rosengärten und Treppenlift.
„Was hat das mit mir zu tun?“, brummte ich. Die Sache gefiel mir nicht. „Ich bin doch an Moppy dran.“
„Nicht mehr. Moppy ist passé.“
„Auch gut.“ Ich beobachtete mich selbst in dem Spiegel hinter dem Flaschenregal und dachte wieder an einen Drink. „Dann kann ich ja ins Wochenende gehen.“
„Das könnte dir so passen. Nein. Verkrümeln ist nicht. Beweg deinen Arsch her. Die Leiche hatte offenbar heute noch was vor.“
„Mir egal.“
„Sie hatte deine Nummer im Handydisplay.“ Es klang schadenfroh. „Der Staatsanwalt glaubt, jetzt hat er dich endlich an den Eiern.“
In dem Moment wusste ich wieder, warum ich Handys so hasste. Ich knallte den Hörer auf die Gabel.
Unten am Flies war bereits die ganze Bagage aufmarschiert. Die Leiche war natürlich Colleen Strawinsky. Sie lag bleich und falsch im Scheinwerferlicht wie eine Schaufensterpuppe beim Umdekorieren, eine sehr lockere Welle ihres weich glänzenden, blonden Haares wehte im eisigen Wind. Sie schien zu lächeln. Ich hockte mich hin. Algen hingen in ihren Kleidern wie tagliatelle verdi über ’ner Portion frutti di mare. Ich brauchte ein paar Versuche, um mein Zigarillo anzuzünden.
„Du siehst aus wie’n verdammter Heiratsschwindler.“
Dem Chef fielen fast die Augen aus dem Kopf. Ich schob mir den Hut in den Nacken. Klar, er hatte keinen Maßanzug, dafür drei anspruchsvolle Gören. Nicht alleine seine Schuld, aber verdammt öde auf Dauer.
„Was ist schiefgelaufen?“, fragte ich.
„Offenbar etwas, das in der Familie liegt.“ Der Chief hielt eine durchsichtige Tüte hoch. Sie enthielt ein rotes Plastikpepperoni, dem grünliche Verdauungsrückstände anhafteten.
Ich spuckte aus. „Pfui Teufel.“
„Ach, und noch was.“ Der Chef klemmte sich den Kugelschreiber hinters Ohr und wies auf seine Papiere. „Sie ist ’nen Kerl. ‚Ne Tunte. Aber gut gemacht, was?“
Plötzlich fühle ich mich irgendwie alt und verschlissen. Weil ich noch in der Hocke saß, warf ich rein dienstlich einen Blick unter ihren Minirock. Und da war von „gut gemacht“ keine Spur. Colleens primäre Geschlechtsmerkmale waren so unauffällig wie ’ne Tarantel auf einem Milchbrötchen. Es war Sonntag, ich war nicht im Dienst und hatte statt zweier Scotch schon zwei Leichen intus. Ich hätte mich großartig fühlen müssen, aber mein Selbstbild als scharfer Hund wankte wie’n Welpe beim Pinkeln: Das Luder hatte mich gelinkt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s