Aus seinen Nüstern dringt Atomstaub: Jack Laidlaws Glasgow

Ein Featured imageliterarischer roman noir mit einem hartgekochten Held: Das ist William McIlvanneys Krimi nur auf den ersten Blick. Denn sein Detective Jack Laidlaw ist ein komplexer Mann. Er liebt Kinder, haßt seinen Chef und fährt mit dem Bus. Er weiß nicht, ob er seine Ehe retten will. Aber er spielt die Glasgower Unterwelt wie eine Stradivari.  McIlvanneys Prosa erinnert nur manchmal und dann scheinbar beiläufig an Raymond Chandlers freche Metaphern:

 

„Die Spinnen waren die schlimmsten, große haarige Biester, mit mehr Beinen als eine Truppe Revuetänzerinnen.“

 

„So wie sein Gesicht von einer Wunde beherrscht wurde, einer Narbe mit Gesicht drum herum, so war sein Charakter eine reflexhafte Reaktion auf das, was er durchgemacht hatte.“

 

„Man sollte um ihn herum weiträumig absperren. Aus seinen Nüstern dringt Atomstaub.“

 

 „Ein dichter Haarteppich zog sich über seine Brust, auf der ein Medaillon prangte, das der Queen Mary als Anker hätte dienen können.“

Manchmal zeichnet der 79jährige Autor so illusionslos schöne Millieustudien, dass man nicht nur denkt: ja, klar. Kenn ich. Sondern dass man auch heulen möchte:

 

„Auf der anderen Straßenseite ging plötzlich die Tür des „Corn Exchange“ auf und ein kleiner Mann sprang auf den Bürgersteig, als habe sich das Pub urplötzlich abgesenkt. Er schwankte auf eine Art, die vermuten ließ, dass er an der frischen Luft nicht in seinem Element war, und Harkness begriff, dass er das von seinem Vater so genannte „pint of no return“ bereits intus hatte. (…) Ein Stück weiter auf einer Bank saß der kleine Mann aus dem „Corn Exchange“. Seine Taschen hatte er auf die Bank ausgeleert, und jetzt plauderte er leise mit Glasgow. Harkness konnte das meiste hören. „Immer schön alles bezahlen. Das ist das Geheimnis. Die Welt schuldet dir keinen Unterhalt. Oh nein. Hier irgendwo. Muss doch da sein. Die Fahrscheine bitte. Uddington, wir kommen. Gerade noch rechtzeitig …“.“

 

Das härteste an McIlvanneys Glasgow sind die Männer. Manche sind einfach nur schweigsame Väter. Manche sind Gangster.  Fast alle sind Säufer. Manche sind katholisch, andere haben Krebs, und der jugendliche Killer bekämpft sein Coming Out im Park. Dabei stirbt ein Mädchen.  Glasgow in den Siebzigern ist kein Ponyhof.  Unbedingter Lesetipp.

Als die Leiche einer jungen Frau im Kelvingrove Park in Glasgow gefunden wird, beginnt für Detective Jack Laidlaw ein tödlicher Wettlauf mit der Zeit. Denn in dieser Stadt voll harter Männer, mächtiger Gangster und skrupelloser Geschäftemacher ist nicht nur der charismatische Detective auf der Suche nach dem Mörder. Hier will sich keiner die Geschäfte verderben lassen, hier haben die Gangster einen eigenen Begriff von Moral und hier schweigen die Väter und sinnen nach Rache. Und Jack Laidlaw weiß, dass er den Mörder zuerst finden muss, wenn er einen weiteren Mord verhindern will … William McIlvanneys Romane um den legendären Ermittler Jack Laidlaw sind in Großbritannien schon lange Kult und gehören schlicht zum Besten, was Kriminalliteratur zu bieten hat.
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