Die Gefährderin – eine dystopische Fingerübung

Noir ist mein Lieblingsgenre, New York mein Lieblingsort – und das ist meine Neuentdeckung des letzten Jahres:

http://www.amazon.de/2-14-Dewey-Decimal-Roman-Nathan-Larson-ebook/dp/B00VTPINMW/ref=sr_1_fkmr0_3?ie=UTF8&qid=1429039543&sr=8-3-fkmr0&keywords=Dewie+Decimal+Larson

14. Februar: Am Valentinstag ist New York durch eine Serie von Anschlägen zerstört worden. Die Bevölkerung ist dezimiert, die Behörden sind korrupt, außer Kontrolle geratene bewaffnete Einheiten haben die Macht übernommen. Dewey Decimal, der letzte Verwalter der New York Public Library, bewahrt Stil und Haltung, auch wenn er bis an die Zähne bewaffnet ist. Er war einmal Soldat, mehr weiß er nicht, denn seine Erinnerung ist manipuliert. Seine Fähigkeiten zu kämpfen und zu töten sind optimiert. Sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Neurosen haben System. Und sein Sinn für Sprache und Witz ist ein weiterer Bestandteil seines Waffenarsenals.
Als er von der Stadtverwaltung auf eine osteuropäische Gang angesetzt wird, beginnt ein Trip durch die apokalyptische Stadtlandschaft, bei dem sich mafiöse Verstrickungen bis in höchste Regierungskreise offenbaren. Mit Dewey Decimal werden die Leser in rasantem Tempo durch die Handlung gejagt, als befänden sie sich in einem Ego-Shooter-Szenario, in dem nichts ist, wie es scheint. Eine sprachmächtige, in die Zukunft geworfene Erneuerung des »Noir«.

Ein absoluter Lesetipp. Lesen Sie das Original. Und zur Einstimmung ein Versuch von mir, denselben Ton zu treffen:

„Es ist der zweite Sommer nach den Ereignissen vom 20. März. Dank eines riesen Etats für den »nationalen Wiederaufbaupakt« fährt die U-Bahn wieder. Ich steige am ehemaligen Bundeskanzleramt aus und gehe direkt in die Zentrale. Der warme Sprühregen schwächt den Gestank nach brennendem Plastik aus den Müllgruben im Tiergarten ab. Auch die Spree kann man riechen. Die brodelnde Brühe steht bis knapp unter Straßenniveau. Manchmal fließt sie rückwärts. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Ich arbeite für die Justiz, in der Zufuhr des Krematoriums. Kremierer haben nach dem 20. März viel zu tun. Krisenfester Job und warm im Winter. Bezahlt wird in Naturalien, Multivitamintabletten und Emergency Food 2.0. Ein Proteinriegel mit 2.000 Kalorien und einer Mindesthaltbarkeit von 15 Jahren. Wir backen ihn zwischen den Einäscherungen. Der Generator für die Öfen läuft eh. Die Kraftwerke haben am 20. März einiges abbekommen, also brauchen wir die Abwärme der Krematorien als Prozesswärme. Wir von der Zufuhr müssen ständig für Nachschub sorgen: Obdachlose, Gendefekte, Alte, Gefährder.
Ich setze mich vor meine Monitorwand und seh die Updates des Staatsanwalts durch. Vor der Gedächtniskirche hat jemand die Regenbogenfahne gehisst. Seit einer Woche bin ich an einer Gefährderin dran. Radikalisierte Anarchistin, normalgewichtig, rotwangig, rothaarig. Hoher Brennwert. Auf den Glauben an die Herrschaftslosigkeit steht die Verbrennung. Die Akte der Frau ist mit »Zippo« getaggt: finden, identifizieren, einäschern.
Ich weiß, die Frau ist irgendwo in den Trümmerfeldern der City. Ich suche mit der automatischen Gesichtserkennung in den Livestreams von über 3.000 Überwachungskameras. Glückstag. 22 Sekunden bis zum Treffer. Die Frau trägt etwas aus einem geborstenen Kaufhausfenster. Um sicher zu gehen, scanne ich ihre DNA. Sofort erscheinen auf meinem Bildschirm alle Organ. Bay Auktionen, für die sie zur Verwertung infrage käme. Sie ist A positiv, ihr Körper 3 Billiarden Reichsbits wert. Schöne Augenfarbe. Die Netzhaut allein bringt ein Vermögen. Die Gebote fliegen ein. Wow. Ich blocke ihren Datensatz in der Kartei. Wer zuerst kommt, kassiert zuerst. Ich ziehe ihren Personalausweis ein. Das ist meine Chance, von hier wegzukommen.
Auf den Kameras sehe ich, wie die Frau Sachen an eine Gruppe ausgemergelter Kinder verteilt. Ich markiere sie mit einen GPS-Chip. Die Frau zuckt zusammen, schaut sich verwirrt um. Ich setze das EEG-Headset auf und starte eine Napper-Drohne, Tarnkappen-Modus. Kameraauge an. Logge die GPS-Daten ein, denke die Drohne auf 1000 ft und vorwärts. Durch den Staub über den Ruinen der Bürgerhäuser am Ku’Damm. Flugdenken macht Spaß. Ich weiche den Kuba-Flamingos aus, die auf dem KaDeWe nisten. Ich denke die Drohne herunter auf 300 ft, der Auto-Napper rastet ein. Ich lehne mich zurück.
Die Frau fährt auf und rennt. Immer rennen sie. Nie haben sie eine Chance. Die Frau flankt über Trümmer, Treppen runter, U-Bahn Wittenbergplatz, Decke eingestürzt. Die Drohne summt in meinem Kopf. Das Headset scannt mein Emotionszentrum, sucht die passende Musik. Zum ersten Mal seit Monaten Walzer, André Rieu. Das ist unanarchistisch.
Die Drohne stellt die Frau in einer Ecke. Trotzig starrt sie in die Kamera.
Auf meinen Bildschirm blinkt »Gefährderin erfasst – Zippo aktivieren?«
Wenn ich den Knopf drücke, ist sie Flugasche und der Staatsanwalt glücklich. Wenn ich sie auf Organ.Bay einstelle, bin ich reich und glücklich. Ich erinnere mich an irgendetwas. Ein Gefühl. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber das Gefühl hat mir gut getan damals. Ich stehe auf. Ich lösche die Akte, setze das Headset ab und gehe.“

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