Unter der Sonne der Toten

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Jones und er verließen den „Admiral Van Sand“ am alten Pier eine halbe Glase nach Mitternacht. Ein paar Möven flogen schreiend auf, als sie die Kaimauer entlang gingen. Während sie auf die Kutsche warteten, schloss Charles seinen Uniformmantel gegen die nasse, scharfe Kälte. Es roch nach Salz und verdorbenen Muscheln. Im Licht der Gaslaterne sah er, wie der Schmied aus einer Seitengassse auf sie zu kam.
„Mylord.“ Der Schmied nickte knapp. Das Gaslicht warf zuckende Schatten auf sein bärtiges Gesicht. Charles neigte den Kopf. Ein guter Mann. Er kannte ihn seit seiner Kindheit. Der Schmied hatte den Säbel gemacht, der in den Schützengräben der Kolonien von Neuengland unter ihm zerbrochen war. Gottverdammt. Die Ränder seines Bewußtseins färbten sich rot. Er sog die Nachtluft ein, rang die blutigen Bilder nieder. Abgerissene Gliedmaßen, das Geräusch der Knochensäge, so nah, als zerrisse sie sein eigenes Fleisch. Er fixierte die Lichter der in den Fenster der Häuser, zwang sich, an nichts zu denken, nichts, das war eine große warme Schwärze, die nirgendwo anfing und nirgendwo aufhörte.
Eine offene Kutsche, gezogen von einem klapperdürren Maultier, hielt unter der Gaslaterne. „Kommt, Sir.“ Charles spürte Jones‘ Hand auf seiner Schulter. Während er einstieg, wanderte sein Blick über das dunkle Hafenbecken. Es war Ebbe, und die Fischerboote lagen auf der Seite wie die schweren Körper der Seelöwen, der er vor Neufundland gesehen hatte. Von Osten würde Sturm aufziehen. Wolkenfetzen gaben einen silbernen Vollmond frei. „Die Sonne der Toten,“ fluchte der Schmied. Viel zu hell. Charles nickte. Aber es mußte heute Nacht sein, in diese Nacht mit der Ebbe zur dunkelsten Stunde. Der Kutscher lachte und schlug gnadenlos auf das halb verhungerte Maultier ein. Die Kutsche schoß vorwärts. Charles kannte den Kutscher, einen buckliger Krüppel mit schloweißem Haar und einem verbeulten Zylinder. Morris, der Gehilfe des Totengräbers vom Mevagissey. Niemand, den man sich als Begleiter auf seinem letzten Weg wünschte. Charles warf Jones einen skeptischen Blick zu.
„Der Mann kennt den Weg,“ brummte der Verwalter des Heligan-Estates und zog sich den Hut ins Gesicht.
„Ist er loyal?“ Charles hatte Mühe, seine Stimme fest klingen zu lassen.
Jones grinste. „So loyal wie Eure Lordschaft großzügig sind,“ sagte er.
Sie ließen die letzten Cottages von St. Ives hinter sich. Morris nahm die Straßen auf den Klippen. Die Federn der Kutsche knarzten, das Maultier keuchte. Fledermäuse schossen über die schwarzen Hecken, die die Straße gegen das Hochmoor begrenzte. Plötzlich schrie Morris auf, prügelte das Maultier rechts von der Straße. Die Kutsche schwankte auf eine Gruppe niedriger Bäume zu. Dort sprang der Alte vom Bock. Zwischen den Bäumen sah Charles eine Gruppe Findlinge im Mondlicht. Morris schlug einen Feuerstein gegen den Fels und entzündete eine Fackel. Zwischen den Steinen erschien ein junges Mädchen.
„Ah! Da! Der Eingang!“ Morris lachte, ein schreckliches, trockenes Bellen.
Das Mädchen mußte die Tochter des Alten sein. Erstaunlich, dachte Charles. Sie war recht gefällig, trug ein Spitzenhäubchen und einen Umhang, der etwas aus der Mode schien. Sie mußte sehr mutig sein, ein Mädchen allein auf den Klippen in dieser stürmischen Nacht. Ihre Haut leuchte im Mondlicht wie chinesisches Porzellan über einer Kerzenflamme. Morris grunzte und führte die Männer durch die Steine zum verborgenen Eingang des Tunnels. Charles ging als Vorletzter, nur noch gefolgt von dem Mädchen. Seine Hand schloss sich um den Griff seines Dolches.
„Die Schmuggler benutzen den Tunnel nur bei Ebbe,“ erklärte der Alte, der mit der Fackel vorweg hinkte. Seine heisere Stimme hallte von den feucht schimmernden Felswänden wieder. „Bei Flut liegt der Tunnel zur Hälfte unter Wasser.“
Der Weg führte nach unten, mal war er breit wie eine Überlandstraße, mal nicht mehr als ein Felsspalt, der sich um sie zu schließen schien.
„Gespenstisch,“ murmelte Jones, als sie ein paar rostige, in die Wand getriebene Ringe passierten.
Morris lachte höhnisch. „Keine Bange, Sirs. Hier geht’s tatsächlich um, aber keine Bange, der alte Pete hat noch keinem nach dem Leben getrachtet. Jedenfalls nicht, seit er selbst tot ist.“
„Piraten-Pete.“ Der Schmied verhielt und zog seinen Hammer aus dem Gürtel. „Keine Geschichte, die man in den State Rooms von Heligan Hall erzählt, nicht wahr?“
Charles spürte seine Kehle eng werden. Er schüttelte den Kopf.
Morris lachte meckernd und spuckte aus. „War’n Hundsfot, der alte Piraten-Pete. Hat seine Crew auf einer Südsee-Insel zum Sterben zurückgelassen. Aber mit Gottes Hilfe haben sie’s geschafft und sind wieder zurück nach England. Haben Pete in St. Ives gefunden, der wohnte gerade seinem Liebchen bei. Haben die beiden hier unten angekettet, bis sie die Flut geholt hat. Ein paar Tage soll man sie noch schreien gehört haben.“ Morris schnäuzte sich. „Schade um die Kleine. Konnte ja nichts dafür.“
Schweigend gingen sie weiter. Charles hörte, wie das Wasser an den Tunnelwänden heruntertropfe, hörte das Knirschen ihrer Schritte, das schwere Atmen der Männer vor ihm. Hinter ihnen war nichts als finstere Leere, er spürte sie so massiv wie einen Eisblock auf seinen Schultern. Dann machte der Tunnel einen scharfen Knick, und für einen Moment war es vollkommen dunkel. Da. Eine Kette klirrte in der Schwärze hinter ihnen. Das Mädchen schrie auf, klammerte sich an Charles‘ Arm.
„Verdammt will ich sein,“ zischte Jones vor ihm.
Ketten schliffen über Fels. Ein hohes Seufzen aus der Tiefe des Ganges. Charles‘ Rücken brannte als schäle ihm ein rostiger Stahl die Haut ab. Die Männer fluchten und stürzten vorwärts. Charles folgte blindlings dem weißen Haarschopf, der schwankenden Fackel. Er spürte seinen Körper nicht mehr, nicht das Stolpern seiner Füße, eine Biegung und noch eine, sein Herz schwoll und schien seine Brust sprengen zu wollen, und dann sah er es, das Mondlicht, den Bogen des Tunnelausgangs, wie einen schwarzen Regenbogen am Ende des Ganges. Sekunden später prallten die keuchenden Männer vor dem rostigen Gatter aufeinander, das den Ausgang verschloß. Dahinter schimmerte das Watt mattsilbern und endlos weit.
„Beeilt Euch, Morris!“ presste Charles hervor. Der Alte stieß den Bart eines riesigen Schlüssels in das rostige Schloß. Gequält rieb Eisen auf Eisen. Dann schwang das Wehr auf. Charles stürzte ins Freie. Seine Lungen wollten platzen, er wollte sich die Kleider vom Leibe reißen und weiterrennen, immer weiter, hinaus ins Meer. Das Geräusch des Eisentores, das der alte Morris hinter ihm zuwarf, brachte ihn wieder zusich.
„Da war noch jemand hinter mir,“ stieß er heiser hervor. „Das Mädchen. Eure Tochter.“
Das Gesicht des Alten verzog sich zu einer teuflischen Fratze. „Ah, Mylord, aber nein! Ihr wart der Letzte, die ganze Zeit, ich habe genau darauf geachtet. Sehr mutig, Sir, sehr mutig!“
Ein eisiger Windhauch aus der Tiefe des Tunnels fuhr über Charles‘ Gesicht. Er straffte sich, schlug den Kragen seines Mantels hoch. Es war ein Weile her, dass sich eine Frau schreiend an ihn geklammert hatte. Und wie es aussah, würde das auch so bald nicht wieder geschehen.
„Sir! Hier herüber, Sir!“ hörte er Jones schreien. „Hier ist es!“ Der Verwalter war in die Klippen geklettert und zeigte auf einen Spalt in der Felswand.
„Kommt.“ Dem Schmied legte ihm die Hand auf die Schulter.
Sie hatten das Schmugglernest gefunden, jetzt würden sie tun, was zu tun sie gekommen waren.

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